Offener Brief von Helga Zepp-LaRouche
Die Gründerin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, veröffentlichte den folgenden Offenen Brief, der an die Teilnehmer der UN-Vollversammlung in New York, die heute zusammentritt, verteilt wird.
Diese Institution, die Vollversammlung der Vereinten Nationen, mag zwar nicht perfekt und reformbedürftig sein, doch stellt sie in dieser Zeit extremer Krise nach wie vor die wichtigste Institution dar, in der Vertreter der gesamten Menschheit zusammenkommen, um existenzielle Probleme anzugehen.
Diesmal findet die UN-Vollversammlung zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Existenz der menschlichen Gattung in großer Gefahr ist. Zwei regionale Kriege, der Krieg in der Ukraine und der Krieg gegen den Iran, drohen beide, zu umfassenderen regionalen Konflikten und sogar zu einem globalen Atomkrieg zu eskalieren. Mehrere hochrangige Militärexperten warnen, dass wir uns in einer Situation befinden, die gefährlicher ist als während der Kubakrise.
In jüngster Zeit ist in den Vereinigten Staaten und Großbritannien eine offene Diskussion über den möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen entbrannt, ja sogar über die Vorstellung, ein „begrenzter Atomkrieg“ könne geführt und gewonnen werden. Jeder, der sich mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, weiß, dass es so etwas wie einen taktischen Atomkrieg nicht gibt, denn schon der Einsatz einer einzigen sogenannten taktischen Atomwaffe würde innerhalb weniger Tage zu einem umfassenden globalen Atomkrieg eskalieren, der zur Auslöschung der Menschheit führen würde.
Im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre, nach dem Ende des Kalten Krieges, hat die Welt den Übergang von dem gescheiterten Versuch, eine unipolare Welt zu etablieren, hin zu einer sich entfaltenden Multipolarität durchlaufen, die jedoch nach wie vor von der Logik der Geopolitik bestimmt wird. Geopolitik basiert auf der Vorstellung, eine Nation oder eine Gruppe von Nationen habe ein legitimes Interesse, das sie einer anderen Nation oder Gruppe von Nationen aufzwingen könne.
Gleichzeitig erleben wir das Ende einer fünfhundertjährigen Ära des Kolonialismus. Wenn wir als Menschheit verhindern wollen, dass diese turbulente Übergangsphase in einen neuen Weltkrieg mündet, müssen wir die geopolitische Konfrontation durch ein völlig neues Paradigma ersetzen: die Vision der EINEN Menschheit. Es ist dieselbe Frage, die bereits zur Zeit der jungen amerikanischen Republik in den Federalist Papers diskutiert wurde: Kann sich die Menschheit selbst regieren?
Soll diese Frage im Zeitalter der thermonuklearen Waffen bejaht werden, müssen wir ein völlig neues Paradigma etablieren: Die Idee der „EINEN Menschheit“ muss an erster Stelle stehen und über alle Partikularinteressen gestellt werden.
Diese UN-Vollversammlung ist der richtige Ort, um das Konzept einer „Neuen Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur“ auf die Tagesordnung zu setzen, die die Interessen jedes einzelnen Landes auf diesem Planeten berücksichtigen muss. Die vier von China vorgelegten globalen Initiativen – insbesondere aber die Initiative zur globalen Governance – stellen einen sehr praktischen Ansatz dar, um die Grundlage für ein solches neues Paradigma zu schaffen.
Mögen der „Geist von Bandung“, der „Geist von Shanghai“ und der Geist von Beethovens Neunter Symphonie, wonach alle Menschen Brüder sein sollen, Ihre Inspiration sein!
Mit freundlichen Grüßen,
Helga Zepp-LaRouche,
Gründerin des Schiller-Instituts




