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Zepp-LaRouche spricht in Beijing bei Konferenz über Dialog der asiatischen Zivilisationen

Die Gründerin und Vorsitzende des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, ist soeben von einem zehntägigen Besuch aus China zurückgekehrt, in dessen Rahmen sie öffentliche Vorträge hielt und zahlreiche private Gespräche führte. Die Reise begann mit ihrer Teilnahme an der „Konferenz über den Dialog der asiatischen Zivilisationen“ vom 15.-16.5. in Beijing, wo Präsident Xi Jinping die Hauptrede hielt. Zepp-LaRouche hielt im Rahmen der Konferenz eine zehnminütige Rede mit dem Titel „Das höchste Ideal der Menschheit ist das Potential der Zukunft“, die bereits im Rahmen der Konferenzbeiträge veröffentlicht wurde (siehe unten).

Sie betonte anschließend, wie beeindruckt die Teilnehmer aus anderen asiatischen Ländern von Chinas Wirtschaftswachstum und phänomenalen Erfolgen bei der Armutsbekämpfung und Überwindung der wirtschaftlichen Rückständigkeit waren.

Zepp-LaRouche hatte zudem zahlreiche Treffen mit hochrangigen Vertretern vieler Spitzeninstitutionen, mit denen sie seit den 90er Jahren in Kontakt steht. Der Hintergrund waren die aktuellen schweren Spannungen zwischen China und den USA wegen des Zusammenbruchs der Handelsgespräche, der Huawei-Affäre und anderer Fragen. Die Besorgnis über die Angriffe auf Huawei wächst, da man darin einen Versuch sieht, Chinas High-Tech-Entwicklung zu verhindern. Die Sanktionen treffen aber auch andere von Huawei abhängige Entwicklungsländer, insbesondere in Afrika. Viele suchen bei der Lösung dieser Probleme Hilfe von der LaRouche-Bewegung.

Zepp-LaRouche hielt auch eine Rede am Chongyang-Institut für Finanzstudien der Renmin-Universität in Beijing und besuchte Nanjing, wo sie sich mit dem Herausgeber der chinesischen Ausgabe des Sonderberichts Die Neue Seidenstraße wird zur Weltlandbrücke traf. Gerade ist die zweite Auflage des chinesischen Berichts erschienen, den der Verlag als eines der wichtigsten Bücher betrachtet. Eine Übersetzung des zweiten Berichts (The New Silk Road Becomes the World Land-Bridge, Vol. II) ist in Vorbereitung.

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Das höchste Ideal der Menschheit ist das Potential der Zukunft

Von Helga Zepp-LaRouche

Es ist das Charakteristikum von Zeitenwenden, daß die meisten Zeitgenossen keinen Begriff von dem haben, was gerade passiert. Nur diejenigen Visionäre, die eine klare Idee vom positiven Potential der Zukunft haben, können an den Verzweigungspunkten so in den Prozeß eingreifen, daß potentielle Katastrophen abgewandt werden und statt dessen wirklich eine neue Epoche der Menschheit eingeleitet wird.

Wir befinden uns in einem solchen Phasenwechsel: Die alte Weltordnung, wie sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt hat, befindet sich in einem Prozeß der Auflösung, aber wie die neue Ordnung aussehen wird, ist noch keineswegs entschieden. Wir befinden uns sogar in einer Periode, in der das Völkerrecht außer Kraft gesetzt scheint, weil es derzeit weder die UNO noch eine andere Institution zu geben scheint, die dem Völkerrecht Geltung verschaffen kann.

Aber unleugbar ist das Pendel, das in den letzten Jahrhunderten die westliche Zivilisation bevorzugte, auch wenn Asien für Jahrtausende einen herausragenden, und für lange Zeit sogar führenden Platz in der Universalgeschichte einnahm, längst dabei, zurückzuschlagen. Dafür sprechen eindeutig die demographische Entwicklung Asiens, völlig neue strategische Interventionen wie die BRI und klare Zielsetzungen, wie z.B. das Konzept „Made in China 2025“ oder die Perspektive, die Präsident Xi Jinping für China bis 2050 gesetzt hat.

Daraus ergeben sich enorme Chancen für Asien, und vielleicht auch eine völlig neue Form der Verantwortung, die die Inspiration beflügeln sollte, Konzepte zu erarbeiten, wie die Menschheit als Ganze vorangebracht werden kann. Präsident Xi Jinping hat offensichtlich genau diesen Ansatz im Blick, wenn er von der Gemeinschaft einer gemeinsamen Zukunft der Menschheit spricht. Wir erleben soeben einen kostbaren Moment, denn noch niemals in der Geschichte war die bewußte Gestaltung einer neuen Epoche mit der Idee der einen Menschheit als höherer Idee so klar als Aufgabe definiert. Wenn wir eine menschlichere Ordnung schaffen wollen, muß sie auf den besten Konzepten aufbauen, die die verschiedenen Kulturen hervorgebracht  haben, und diese müssen gewissermaßen einen ontologischen Charakter haben, denn an ihnen darf nichts zufälliges oder zeitgeistmäßiges sein, wenn sie das Dharma – den moralischen Kodex – bestimmen sollen, dem die geistigen Führer und mit ihnen die asiatischen Gesellschaften in diesem neuen Kapitel der Universalgeschichte folgen.

Es ist auch offensichtlich, daß der Anstoß für die Definition dieses „rechtschaffenen Weges“ aus den alten Traditionen Asiens kommen muß, wie z.B. dem Konfuzianismus, Buddhismus oder Jainismus, die ganz eindeutig mit der Verpflichtung zur lebenslangen Selbstkultivierung und moralischen Veredlung des Menschen verbunden sind. Denn auch wenn der Westen in seinen klassischen und Renaissance-Perioden des Humanismus den gleichen Anspruch hatte, so ist diese Idee der ethischen Verbesserung des Menschen als Lebenszweck geradezu das Gegenteil zum westlichen liberalen Modell, das jede Bevormundung durch moralische Ansprüche oder die Höherwertigkeit einer Philosophie gegenüber einer anderen emphatisch ablehnt.

Wie also müssen die Prinzipien beschaffen sein, die das neue Paradigma der werdenden Gemeinschaft der Menschheit auf so sicheren Grund stellt, das sie sowohl den Erfordernissen der modernen Naturwissenschaft als auch denen des neuen Systems der internationalen Beziehungen gerecht werden?

Die Prinzipien der friedlichen Koexistenz

Diese Frage muß auf verschiedenen Ebenen beantwortet werden. Ein guter Anfangspunkt sind die fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz, Panchsheel, wie sie zum ersten Mal formell in dem Handels- und Verkehrs-Abkommen zwischen der Tibet-Region Chinas und Indien vom 29. April 1954 niedergelegt worden sind. In der Präambel heißt es, daß die beiden Regierungen sich auf die folgenden Prinzipien geeinigt haben:

  1. Gegenseitiger Respekt für die territoriale Integrität und Souveränität des Anderen,
  2. Gegenseitiger Nichtangriff,
  3. Gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des Anderen,
  4. Gleichheit und Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen, und
  5. Friedliche Koexistenz.

Die erste Konferenz der unabhängigen asiatischen und afrikanischen Staaten in Bandung erweiterte unter der Führung des chinesischen Regierungschefs Zhou Enlai und des indischen Ministerpräsidenten J. Nehru die fünf Prinzipien in die zehn Prinzipien von Bandung. Die gleichen Prinzipien wurden als völkerrechtliches Kernstück auf der Konferenz der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad unterstrichen. China hat mit der BRI diese Konzeption der Beziehung zwischen den Nationen zum ersten Mal als die Basis einer globalen Neuordnung definiert, die für alle Nationen offen ist. Präsident Xi betonte in seiner Eröffnungsrede auf dem ersten Belt & Road-Forum im Mai 2017:

„Wir sind bereit, Entwicklungsstrategien mit anderen Ländern zu teilen, aber wir haben nicht die Absicht, uns in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, unser Gesellschaftssystem und Entwicklungsmodell zu exportieren oder anderen unseren Willen aufzuzwingen.“

Diese Prinzipien der friedlichen Koexistenz haben ihre tiefen Wurzeln in mehreren asiatischen Kulturen. Einige dieser Konzepte sind philosophischer Natur, andere sind Teil theologischer Überlegungen. Es geht in diesem Beitrag um die Identifikation der Ansätze, die die Menschheit vorangebracht haben und die für die Völkerverständigung von morgen relevant sind. Das ist auch der Ansatz, den Präsident Xi bei seinen Auslandsbesuchen wählt. So betonte er bei seinem Besuch in Neu Delhi im Jahre 2014 in einer Rede vor der indischen Elite:

„Schon in antiken Zeiten kam man in China zu der Einsicht, daß ein kriegerischer Staat, so groß er auch sein mag, letztlich scheitern muß. Frieden ist von überragender Bedeutung. Harmonie ohne Gleichförmigkeit und universellen Frieden gilt es zu erringen. Die chinesischen Konzepte vom „universellen Frieden“ und „universeller Liebe“ sind den indischen Konzepten von ,Vasudhaiva Kutumbakum’ (die Welt als eine Familie) und ,Ahimsa’ (keine Verletzung zufügen) sehr ähnlich.“

Die Konzepte der Upanischaden

So finden sich in den antiken Schriften Indiens, den Vedischen Texten, den Upanischaden, und der klassischen Sanskrit-Literatur viele bedeutende Konzepte, die sowohl eine religiöse als auch eine praktische, politische Bedeutung haben. So beinhaltet z.B. das von Xi erwähnte Prinzip des Ahimsa, der Respekt für alle anderen Kreaturen, nicht nur den Verzicht auf jedwede Gewalt, sondern auch, den anderen in keiner Weise zu verletzen, weder verbal noch geistig. Es ist zudem eine Methode der Kriegsvermeidung und Konfliktlösung selbst für komplexe Herausforderungen in der realen Welt.

In den Sammlungen der Rigveda, der ältesten vollständig überlieferten Literatur überhaupt, welche jahrhundertelang mit Hilfe ausgefeilter Mnemotechniken mündlich überliefert worden sind, finden sich grundlegende Gedanken zur kosmischen Ordnung, die letztlich auch die Richtschnur für das menschliche Handeln auf der Erde liefern. In den Upanischaden finden sich fünf Prinzipien, die die gleiche Grundausrichtung reflektieren.

Das grundlegendste Konzept ist das des allumfassenden Brahman:Ishawaram idam sarvam jagat kincha jagatvam jagat“ – „Alles, was existiert, wo immer es existiert, ist von der gleichen göttlichen Kraft durchdrungen.“ Dieser Gedanke findet sich in ähnlicher Form bei Leibniz und seiner Idee der Monade, daß nämlich in jeder Monade die ganze Gesetzmäßigkeit des Universums steckt.

Das zweite Prinzip ist, daß das „Brahman“, das kreative Prinzip, dessen Ausdruck die gesamte realisierte Welt ist, in jedem individuellen Bewußtsein, im „Atman“ steckt. Atman ist die Reflexion dieses allumfassenden Brahman; es ist das individuelle Bewußtsein, aber es ist im Grunde nicht vom Brahman getrennt. „Ishwara sarvabhutanam idise tishtati“– „Der Herr wohnt im Herzen jedes Individuums.“ Die Beziehung zwischen Atman und Brahman ist der Kern, um den sich die ganze vedische Lehre dreht. In der cusanischen Philosophie entspricht dies der Affinität des Makrokosmos und des Mikrokosmos, der es zu verdanken ist, daß eine immaterielle Kraft – eine Idee, die von der kreativen Vernunft erzeugt wird – eine Weiterentwicklung des physischen Universums bewirken kann.

Ein drittes vedisches Prinzip ist, daß alle Menschen wegen ihrer gemeinsamen Spiritualität Mitglieder einer Familie sind. Die Upanischaden sprechen von der Menschheit als amritashya putra, „Kinder der Unsterblichkeit“.

Das vierte Konzept der Upanischaden präsentiert die Idee der Wesenseinheit aller Religionen, aller geistigen Wege: „Ekoham svat virpra bahuda vadanti“– „Die Wahrheit ist Eins, der Weise nennt sie mit vielen Namen“. Diese Idee entspricht der „Sanatana Dharma“, der einen Religion, die über allen Religionen steht, die übrigens auch Nikolaus von Kues in seinem platonischen Dialog De Pace Fidei, den er unmittelbar nach dem Fall Konstantinopels 1453 und den damit verbundenen blutigen Auseinandersetzungen verfaßt hat, zum Ausdruck bringt: Die Repräsentanten der verschiedenen Religionen und Nationen, die sich in diesem Dialog um Hilfe an Gott wenden, weil sie sich alle in seinem Namen in Kriegen gegenseitig töten, belehrt Gott, daß sie jenseits aller religiöser Traditionen und Lehren der verschiedenen Propheten alle in ihrer jeweiligen Nation und Religion auch Philosophen seien, und daher verstehen könnten, daß es über den Religionen den einen Gott und über den verschiedenen Traditionen die eine Wahrheit gebe. Übrigens hat auch der hinduistische Mönch Swami Vivekananda in seiner berühmten Rede vor dem Weltparlament der Religionen in Chicago am 11. September 1893 das gleiche Argument angeführt: die Anhänger der verschiedenen Religionen stritten und bekämpften sich nur deswegen, weil ihre Sichtweise zu eng sei und sie nicht begriffen, daß das höchste Wesen unendlich ist.

Ein fünftes vedisches Konzept ist das des Wohles aller Wesen: „Bahujana shukhaya bahujana hitaya cha“ – die  hinduistische Philosophie sucht „das Wohl aller Menschen und aller Lebensformen auf diesem Planeten“. Die Verwandtschaft zur konfuzianischen Idee der harmonischen Entwicklung aller ist offensichtlich, so sagt Konfuzius explizit: „Der, wer Erfolg haben will, sollte anderen zum Erfolg verhelfen.“ Das ist natürlich die Grundidee der BRI und der Konzeption einer Win-Win-Kooperation zwischen den verschiedenen Nationen.

Die konfuzianische Philosophie spricht auch aus dem Namen der neuen Ära, die mit dem zukünftigen japanischen Kaiser Naruhito beginnen soll: „Reiwa“, was wörtlich „Streben nach Harmonie“ bedeutet. Japanische Kommentatoren betonen, daß dieser Begriff auf die berühmte klassische Gedicht- Anthologie Manyoshu zurückgeht, aber wie der Gelehrte Wang Peng hervorhob, wurde der Begriff des „ling-he“ von alten chinesischen Kaisern als Name für ihr Regierungszeit benutzt, bedeutet in der chinesischen Gegenwart jedoch auch beste Wünsche für Frieden und Harmonie.

Die Idee einer harmonischen Entwicklung aller als Basis für eine Weltfriedensordnung ist also in mehreren asiatischen Kulturen angelegt, und steht damit in direktem Gegensatz zu der Idee, daß das Verhältnis zwischen Staaten eine Art Nullsummenspiel darstellt. Aber ihre Realisierung in der Praxis erfordert offensichtlich eine neue Entwicklungsstufe in der Evolution der Menschheit, das Zeitalter des geistigen Menschen, wie Sri Aurobindo es ausgedrückt hat, oder die zunehmende Dominanz der Noosphäre über die Biosphäre, in der Wladimir Wernadskij die gewissermaßen in der Naturgesetzlichkeit des Universums angelegte Bahn gesehen hat.

Das Universum hat eine inhärente Gesetzmäßigkeit, die es zu höheren Stufen der Entwicklung voranbringt, und Wernadskij sieht darin die kreative Vernunft des Menschen als essentiellen Bestandteil dieses Universums, als eine geologische Kraft, die seit der Existenz der Menschheit in der Evolution diese Höherentwicklung qualitativ vorantreibt. Lyndon LaRouche hat für die Wissenschaft der physikalischen Ökonomie mit seinem Begriff der relativen potentiellen Bevölkerungsdichte, die absolute Effizienz dieser Kreativität des Menschen, die ihn von allen bisher bekannten Lebewesen unterscheidet, den Beweis dafür geliefert.

Nun ist diese anti-entropische Höherentwicklung weder linear, noch das automatische Ergebnis objektiver Prozesse – etwa eines wie auch immer gearteten historischen oder dialektischen Materialismus -, sondern neben dem objektiven Effekt der Anwendung neu entdeckter universeller Prinzipien im Produktionsprozeß kommt der subjektiven intellektuellen und moralischen Höherentwicklung des Menschen ein maßgeblicher Anteil an diesem Prozeß zu.

Für die chinesische und andere asiatische Kulturen ist es mit Sicherheit ein enormer Vorteil für die anfangs gestellte Aufgabe der bewußten Gestaltung eines neuen Paradigmas der Menschheit, daß die Entwicklung des moralischen Charakters in der Philosophie des Konfuzius das wichtigste Ziel der Bildung in weiten Teilen Asiens war. Denn trotz des erheblichen Rummels um die Digitalisierung der Wirtschaft und die Rolle der Künstlichen Intelligenz in künftigen ökonomischen Plattformen wird es immer die Frage der moralischen Qualität des Menschen bleiben, die darüber entscheidet, ob die neuen Technologien zum Wohl der Menschheit oder zu bösen Zwecken eingesetzt werden.

Die Bedeutung der ästhetischen Erziehung

Von erstrangiger strategischer Bedeutung ist deshalb der Brief, in dem Xi Jinping vor einigen Monaten gegenüber acht Professoren der Zentralen Akademie der Schönen Künste (CAFA) die außerordentliche Bedeutung der ästhetischen Erziehung für die geistige Entwicklung der Jugend Chinas betonte. Die ästhetische Erziehung spiele eine entscheidende Rolle in der Entwicklung eines schönen Geistes, sie erfülle die Studenten mit Liebe und fördere das Schaffen großer Kunstwerke.

In China gibt es dank des kontinuierlichen Einflusses des Konfuzianismus – nur von den zehn Jahren der Kulturrevolution unterbrochen – eine Jahrtausende andauernde Tradition, in der die Entwicklung eines moralischen Charakters das höchste Ziel der Erziehung repräsentiert. Es gilt deshalb in China als selbstverständlich, daß die Beachtung der öffentlichen Moral und Bekämpfung schlechter Eigenschaften in der Bevölkerung die Voraussetzung für eine hochentwickelte Gesellschaft darstellt. So forderte z.B. noch der Thronbericht über die Erziehungsziele des akademischen Ministeriums der Qing-Regierung von 1906, vor allem die öffentliche Moral (gongde) und die konfuzianische Tugendlehre als Lehrinhalt weiterzuvermitteln, damit sich „jeder um den anderen sowie um sich selbst kümmert, und den Staat sowie die eigene Familie liebt“.

Ein Schlüssel zum Verständnis der besonderen Bedeutung der ästhetischen Erziehung im heutigen China aber liegt nicht nur in den Lehren des Konfuzius, der der Beschäftigung mit Poesie und guter Musik eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung des moralischen Charakters zugewiesen hatte, sondern der Gelehrte, der das moderne Bildungssystem Chinas mehr beeinflußt hat als jeder andere: der erste Erziehungsminister der provisorischen Republik China, Cai Yuanpei. Er hatte dank außerordentlicher Intelligenz und Fleiß bereits mit 15 Jahren den akademischen Titel xiucai erworben, mit 24 Jahren den höchsten Titel jingshi, und wurde 1894 zum bianxiu. Damit hatte er bereits mit 26 Jahren die höchste Stufe der Akademikerkarriere der Qing-Dynastie erreicht. Er verfügte über exzellente Kenntnisse der klassischen Schriften und war für seinen schönen klassischen Stil berühmt.

Während dieser Zeit war Cai genauso wie die gesamte chinesische Elite erschüttert darüber, daß China im Krieg gegen Japan eine Niederlage erlitt, und überhaupt bei jeder Invasion seit den Opiumkriegen den kürzeren zog, hohe Reparationszahlungen leisten und Rechte an die Invasoren abtreten mußte. Es wurde unter Intellektuellen diskutiert, wie Japan, das jahrhundertelang als rückständig galt, durch die Meiji-Restauration hatte so stark werden können, und man suchte aus dieser Transformation Lehren zu ziehen.

Man machte auch die Korruption der Qing-Dynastie für diese als Schmach empfundenen Niederlagen verantwortlich. Cai war überzeugt, daß der Staat nur überleben würde, wenn sich im Bewußtsein der Bevölkerung etwas ändern würde, und daß diese Verbesserung nur durch verbesserte Inhalte der Erziehung erreicht werden könne. Cai begann sich zunächst mit dem japanischen und dann mit europäischen Bildungssystemen auseinanderzusetzen. Schließlich reiste er nach Frankreich und Deutschland, wo er von 1907 bis 1911 in Leipzig studierte, wo er Zivilisations- und Kulturgeschichte des Abendlandes belegte, bevor er 1912 von Sun Yat-sen zum Erziehungsminister berufen wurde.

Cai unternahm tiefgehende Studien der ästhetischen Schriften von Alexander Gottlieb Baumgarten, Immanuel Kant und Friedrich Schiller, ebenso wie des Bildungskonzepts Wilhelm von Humboldts. Inspiriert durch die exzellenten Studien zur Philosophiegeschichte von Wilhelm Windelband und das direkte Studium von Kant, Schiller und von Humboldt erkannte er sehr schnell, daß Schillers Konzeption der ästhetischen Erziehung sich nicht nur in völliger Affinität mit der konfuzianischen Morallehre befand – sein Begriff der „schönen Seele“ entsprach völlig der konfuzianischen Idee des „junzi“ -, sondern daß Schiller auch über diese Fragen mit größerer Klarheit und von einem erhabeneren Standpunkt sprach als alle früheren oder zeitgenössischen Philosophen. „Die umfassende Theorie Friedrich Schillers und die Idee der ästhetischen Erziehung brachte allen große Klarheit“, schreibt Cai. „Seit jener Zeit kann uns die europäische Idee der ästhetischen Erziehung vieles liefern, auf das wir uns bei der Entwicklung unseres eigenen Verständnisses dieses Gegenstands beziehen können.“

Cai Jianguo zitiert Cai Yuanpei weiter: „In Deutschland hat mich die ästhetische Erziehung sehr beeindruckt. Ich möchte alle meine Kräfte dafür einsetzen, um sie zu befördern.“ Cai schuf dafür den chinesischen Begriff „meiju“, den es zuvor in dieser Sprache nicht gegeben hatte.

Schiller hatte die „Ästhetischen Briefe“ als Antwort auf das Scheitern der Französischen Revolution verfaßt und darin die Auffassung vertreten, daß von jetzt ab jede Verbesserung im Politischen nur aus der Veredlung des Individuums kommen könne. Nur wenn der Mensch sich über das vergängliche Glück der Sinnenwelt erhebt, und nicht nur für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft, nicht nur für die Gegenwart, sondern für die Zukunft, nicht für den körperlichen Genuß, sondern für die geistige Kreativität einsetzen wolle, könne der Staat prosperieren. In den „Briefen“ und weiteren bahnbrechenden ästhetischen Schriften entwickelte Schiller, warum diese Veredlung des Charakters durch die Versenkung in die große klassische Kunst erreicht werden kann.

Cai Yuanpei erkannte die frappierende Übereinstimmung zwischen der Lehre des Konfuzius und der Ästhetik Schillers. Das Versenken in Dichtung, Musik und Malerei während der Mußestunden erweckt im Betrachter ein ästhetisches Vergnügen, in dem weder ein Begehren, noch eine Ablehnung der sinnlichen Welt liegt, sondern der Geschmack gebildet und die Emotionen veredelt werden. Das ästhetische Empfinden umfaßt Schönheit und Erhabenheit, und schlägt so eine Brücke von der sinnlichen Welt zur Vernunft. Jeder Mensch hat ein Gemüt, aber nicht jeder ist befähigt, große und edle Taten hervorzubringen, deshalb muß dieses Gemüt als Triebkraft stärker werden, indem man es veredelt.

1912 schrieb Cai die „Thesen zur neuen Erziehung“ und das „Lehrbuch über die moralische und charakterliche Vervollkommnung für die weiterführende Schule“, in dem er das menschliche Gewissen als den wesentlichen Ratgeber für das Verhalten charakterisierte. In einem Aufsatz vom 10. Mai 1919 schrieb er: „Ich glaube, daß die Wurzel der Probleme unseres Landes in der Kurzsichtigkeit von so vielen Leuten liegt, die schnellen Erfolg oder schnelles Geld ohne irgendeine höhere moralische Denkweise haben wollen. Die einzige Medizin ist die ästhetische Erziehung.“

Natürlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß Cai als Präsident der Universität Beijing diese Institution zu international anerkannten wissenschaftlichen Erfolgen führte, und dabei viele Anregungen von Wilhelm von Humboldt aufgriff, der in der Berliner Universität die Einheit von Forschung und Lehre und die charakterliche Schönheit als Erziehungsziel etabliert hatte. Aufgrund von Cais Ansehen wurde die Universität in Beijing bald zum Anziehungspunkt für viele junge chinesische Wissenschaftler, die aus dem Ausland zurückkamen, ebenso wie von ihm die Inspiration für viele weitere Kunsthochschulen und Akademien ausging.

Die große Gemeinschaft der Welt

Von größter Bedeutung für das Verständnis der Politik Präsident Xi Jinpings und seiner Idee der „Zukunftsgemeinschaft der Menschheit“ ist meiner Auffassung nach auch die Konzeption Cai Yuanpeis, daß der Staat wie eine größere Familie ist, weswegen das Interesse des Staates den Interessen der Einzelfamilie vorgeordnet sein muß, denn das Gedeihen des Staates war für ihn die Voraussetzung für das Glück der Bürger. Aber ebenso stand für ihn das Interesse der Welt als der Heimat aller Lebewesen über dem Interesse des einzelnen Staates. Cai schrieb: „Bevor die ,große Gemeinschaft’ der Welt verwirklicht wird, kann das Interesse der Gesellschaft mit dem der Welt nicht identisch sein.“ Er betonte auch, daß man bei der Erfüllung der Pflicht dem Staat gegenüber darauf achten müsse, daß sie nicht zur Pflicht der Welt gegenüber in Widerspruch stehe. Er erträumte eine „große Gemeinschaft“ der gesamten Welt (datong shijie), die friedlich und harmonisch ohne Klassenunterschiede und Staatsgrenzen, ohne Armee und Krieg, gestaltet wäre. Alle Menschen würden einander in dieser Weltgemeinschaft verstehen und einander helfen. Cai sah im „Dialog der Kulturen“ den Weg zu diesem Ziel: „Ich habe häufig gedacht, daß eine Nation die Kultur anderer Völker unbedingt aufnehmen muß. Dies ist so wie der Körper eines Menschen, der ohne Atmen der Luft der Außenwelt, ohne Essen und Trinken nicht wachsen kann.“ Ja, er sah in dieser Begegnung der Kulturen die absolute Voraussetzung der Höherentwicklung: „Wirft man einen Blick auf die Entwicklung der Geschichte, so sieht man, daß die Auseinandersetzung unterschiedlicher Kulturen immer zur Entstehung einer neuen führt.“

Die Verwirklichung dieser Vision durch die Dynamik und den „Geist der Neuen Seidenstraße“ ist für die Zukunft absolut erkennbar. Die Prinzipien, die den „rechtschaffenen Weg“ für das Neue Paradigma bestimmen müssen, sind keine statischen Axiome, sondern sie bestehen aus den Chancen, die sich aus der ästhetischen Erziehung eventuell aller Menschen ergeben. In einer Welt, in der die Ökonomie nicht nach den Prinzipien der Profitmaximierung und größtmöglichen Befriedigung der individuellen Gier funktioniert, sondern nach der bestmöglichen Förderung der Kreativität der Menschen als dem Motor eines sich anti-entropisch entwickelnden Universums – wenn also gewissermaßen die „kosmische „Ordnung“ das politische, ökonomische und kulturelle Leben inspiriert -, dann sind die Träume des Konfuzius, von Schiller, Cai Yuanpei, Xi Jinping und Lyndon LaRouche die politischen Gesetzgeber der Menschheit. So wie Tagore es in seinem berühmten Dialog mit Einstein ausdrückte: „Wenn unser Universum in Harmonie mit den Menschen ist, empfinden wir das Ewige, das wir als Wahrheit kennen, als Schönheit.“