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Krieg verhindern mit Wirtschaftsaufbau und kultureller Renaissance

Krieg verhindern mit Wirtschaftsaufbau und kultureller Renaissance

Helga Zepp-LaRouche hat auf einem EIR-Forum im National Press Club in Washington am 26. Januar (wir berichteten) die folgenden Ausführungen gemacht. Ihr Vorredner war Thomas Wysmuller, früherer NASA-Meteorologe und Aktivist von „The Right Climate Stuff“, einem Zusammenschluß ehemaliger Astronauten, Wissenschaftler und Ingenieuren der NASA, die gegen den Schwindel des menschengemachten Klimawandels kämpfen.

Ich versuche, mich kurz zu fassen, was mir allerdings schwer fällt, denn es stellt sich ja die Frage, warum die Dinge [der Klimaschwindel], die mein Vorredner [Thomas Wysmuller] angesprochen hat, überhaupt möglich sind. Was ist das Motiv dahinter? Warum macht man sich die Mühe, Daten zu fälschen, um eine ehrliche Debatte unter Wissenschaftlern zu unterbinden? Wenn man diese Frage bis zum Ende verfolgt, wird man zu der Schlußfolgerung meines Vortrags gelangen, die ich nun an den Anfang stellen will: daß nämlich die gesamte transatlantische Region – und ich bin mir voll darüber bewußt, wo ich dies sage, nämlich in der amerikanischen Hauptstadt Washington – von einer sehr destruktiven Politik und sehr destruktiven Kräften beherrscht ist.

Lassen Sie mich mit einer Tatsache beginnen, über die sich jeder, der sein natürliches Lebensende erreichen möchte, die größten Sorgen machen müßte: nämlich, daß wir am Rande eines thermonuklearen Krieges stehen. Anders als auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges während der Kubakrise, als sich die Menschen bewußt waren, daß die Auslöschung der Zivilisation drohte, herrscht heute, wo wir dieser Gefahr noch viel näher sind, kaum ein öffentliches Bewußtsein darüber. Es findet keine öffentliche Debatte über dieses Thema statt. Nur einige wenige, wie der frühere US-Verteidigungsminister William Perry oder der Kernwaffenspezialist Hans Kristensen, warnen vor der Möglichkeit, daß ein Weltkrieg ausbrechen kann. Wenn man nicht von bösen Absichten ausgeht, könnte man sagen, daß die Gefahr eines Kriegs „aus Versehen“ extrem hoch ist, einfach weil die üblichen Prozeduren für solche Fälle, die es sogar zwischen Kennedy und Chruschtschow noch gab, heute nicht mehr vorhanden sind. Nach dem Ausbruch der Ukraine-Krise wurden die Konsultationen zwischen der NATO und Rußland eingestellt; ein Gremium, das man für Krisenzeiten eingerichtet hatte, wurde aufgegeben.

Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen und auf die Veränderung der NATO-Militärdoktrin hinweisen: von der Gegenseitig Zugesicherten Zerstörung (MAD) hin zu der Vorstellung eines gewinnbaren Erstschlags. Das steckt hinter dem Raketenabwehrsystem, das die USA derzeit weltweit aufbauen, hinter der Doktrin des „Prompt Global Strike“ und auch hinter der Doktrin des „Air-Sea Battle“ gegen China, und auch hinter der Modernisierung der Kernwaffen in Europa. Alles das deutet in die Richtung einer solchen Möglichkeit.

Allerdings haben Rußland und China daraus ihre Schlußfolgerungen gezogen und stocken ebenfalls ihre Arsenale auf. William Perry hat erst vor ein paar Tagen im Boston Globe gemahnt, das Wettrüsten mit Kernwaffen sei bereits weit fortgeschritten. Präsident Obama will in den kommenden 30 Jahren dafür eine Billion Dollar ausgeben. Das hört sich angesichts des Zustands des Weltfinanzsystems zwar ein wenig grotesk an, aber die Gefahr ist offensichtlich.

Sollte es zum Krieg kommen – sei es absichtlich, weil einige Leute meinen, man könne einen Nuklearkrieg gewinnen, oder aus Versehen -, dann wird die Zivilisation vielleicht innerhalb von Minuten, Stunden oder bestenfalls Wochen nicht mehr existieren. Ein nuklearer Winter setzte ein, und das wäre das endgültige Ende der Menschheit. Alles Schöne, was die Menschheit jemals hervorgebracht hat, wäre umsonst gewesen. Es gäbe niemanden mehr, der noch darüber berichten könnte, keinen Historiker, keinen Archivar, auch kein Museum. Das ist die eine Gefahr.

Die andere Gefahr, die damit direkt verbunden ist, ist der Umstand, daß das transatlantische Finanzsystem noch viel massiver abzustürzen droht als in der Krise 2007-08. Wie Sie wissen, hat soeben das Weltwirtschaftsforum in Davos stattgefunden, wo die üblichen Unterhaltungen über ein Sammelsurium von Themen stattfanden, aber hinter verschlossenen Türen oder privat im kleinen Kreis herrschte dort absolute Panik. Öffentlich hat sich dazu der frühere Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, William White, in einem Interview mit dem Daily Telegraph geäußert: Da seit 2008 nichts getan worden sei, um das Bankensystem neu aufzustellen, sagte er, sei die Verschuldung der Welt jetzt so hoch, daß diese Schulden weder zurückgezahlt noch bedient werden könnten. Wer meine, in dieser virtuellen Finanzwelt eine Menge Geld zu besitzen, der solle sich auf sehr unangenehme Überraschungen gefaßt machen, es könnte sich nämlich von einer Minute zur nächsten in Luft auflösen.

Was waren denn die Maßnahmen, woraus bestand der sogenannte „Werkzeugkasten“, den die Finanzinstitutionen nach der Lehman Brothers/AIG-Krise 2008 herausgeholt haben? Das waren „Quantitative Lockerung“, Bail-outs und verschiedene Maßnahmen, um private Zockerschulden in öffentliche Staatsschulden zu verwandeln. Deswegen haben wir heute eine Krise der Staatsverschuldung. Die jüngsten Veränderungen, die in den USA mit dem Dodd-Frank-Gesetz und mit entsprechenden Verfügungen der EU-Kommission für ein Bail-in durchgesetzt wurden, orientieren sich an dem sogenannten Zypernmodell. Vor drei Jahren waren auf Zypern Banken pleite gegangen, woraufhin Geld von den Bankkunden und den Aktionären konfisziert wurde. Sie wurden im wesentlichen zu 50% enteignet.

Der damalige holländische Finanzminister Dijsselbloem, heute Chef der Eurogruppe, sagte dazu, dieses Zypernmodell sei die Vorlage für die gesamte Eurozone. Entsprechende Gesetze wurden dann verabschiedet. Wie schon erwähnt, enthält Artikel 2 des Dodd-Frank-Gesetzes in den Vereinigten Staaten eine solche Bestimmung, und auch alle europäischen Regierungen haben inzwischen entsprechende Gesetze erlassen.

Das Problem dabei ist nur – das erklärte kürzlich auch der Vizechef der [Einlagenversicherung] FDIC, Thomas Hoenig, in den USA und ähnlich auch ein ungenannter EU-Beamter in einem Reuters-Interview vor drei Tagen -, daß der Bail-in nicht funktioniert: Die Banken wurden dafür nicht mit genug frischem Kapital ausgestattet, sie sind also nicht vorbereitet. Und selbst wenn man einen Bail-in bei allen Geschäfts- und Privatkonten und zusätzlich noch Bail-out-Maßnahmen machte, dann käme man nur auf etwa 18-20 Bio.$, aber die ausstehenden Derivateschulden belaufen sich auf etwa 2 Billiarden $.

William White hat also recht, wenn er sagt, daß diese Schulden nie zurückgezahlt werden können, und er fordert ein „Ablaßjahr“, indem er daran erinnert, daß es während der letzten 5000 Jahre in allen großen Religionen von Zeit zu Zeit Schuldenstreichungen gegeben hat, wenn deutlich wurde, daß die Schulden nicht mehr bezahlbar waren. White ist heute ein hochrangiges Mitglied der OECD und war zuvor Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Man kann es Ablaßjahr nennen, man kann es auch eine Schuldenkonferenz zur Streichung der Schulden nennen, oder man kann es auch Glass-Steagall nennen.

Kollaps der westlichen Zivilisation

Das sind nur zwei Aspekte der Lage. Aber wir bewegen uns in der transatlantischen Zivilisation auf die Bruchstelle zu. Ich möchte noch zwei weitere Aspekte hervorheben, warum wir uns in den Vereinigten Staaten und in Europa in einer zerfallenden, destruktiven Gesellschaft befinden. Neben dem verheerenden Niedergang der Realwirtschaft grassiert in den USA eine Drogenepidemie, auf die in den letzten Wochen in mehreren Artikeln in der New York Times besonders hingewiesen wurde, denen eine Studie der Universtität Princeton und eine der [US-Gesundheitsbehörde] CDC zugrunde liegen. Daraus geht hervor, daß in den Vereinigten Staaten die Sterblichkeit für weiße Männer in allen Altersgruppen dermaßen angestiegen ist, daß es den medizinischen Fortschritt überwiegt und zunichte macht. In der Altersgruppe weißer Amerikaner – nicht schwarzer oder hispanischer, sondern weißer Amerikaner – zwischen 24 und 35 ist die Sterblichkeit durch Selbstmorde, Alkohol und Drogen um 500% angestiegen. In allen 3007 Landkreisen der USA hat sich die Selbstmordrate erhöht, verdoppelt oder vervierfacht. Jeden Tag begehen 125 Menschen Selbstmord oder sterben an einer Überdosis Drogen. Das sind fünf Menschen in der Stunde oder einer alle zwölf Minuten. Das ist ein klares Zeichen für eine sterbende Gesellschaft. Die Zunahme setzte 2001 ein, und jeder weiß selbst, welche Präsidenten in der Zeit im Amt gewesen sind. Allein an diesen Zahlen kann man feststellen, daß die Vereinigten Staaten schlecht regiert werden.

In Europa ist das Problem ein wenig anders gelagert. Im Vordergrund steht hier die Flüchtlingskrise, an der EU auseinanderbricht. Wie Sie wissen, sind im letzten Jahr fast eine Million Flüchtlinge vor allem aus Syrien und dem Irak angekommen; inzwischen kommen auch viele aus Afghanistan und Nordafrika. Der Gründer der Davos-Konferenz, Klaus Schwab, hat sogar gesagt, wenn der Verfall des Ölpreises nicht gestoppt werde, dann würden seiner Einschätzung nach bald eine Milliarde Flüchtlinge vor den Toren Europas stehen. Und ich halte das keineswegs für übertrieben.

Die Ursache der Flüchtlingskrise ist offensichtlich die gescheiterte Politik der Briten und der USA: die mit Lügen begründeten, katastrophal ausgegangenen Kriege im Irak, in Afghanistan und in Libyen, der Versuch, Assad in Syrien zu stürzen, und der Krieg im Jemen. Haben diese Kriege den Interessen der Vereinigten Staaten gedient? Ich denke nicht. Ich denke, sie haben dem Ansehen der Vereinigten Staaten auf der ganzen Welt geschadet.

Bundeskanzlerin Merkel hat in dieser Situation etwas richtiges getan, sie sagte, wir müßten die Flüchtlinge aufnehmen. Dafür muß sie viel Kritik einstecken. In dem Augenblick, als sie das sagte, gab es aber gar keine andere Wahl, denn Zehntausende Menschen saßen auf dem Balkan zwischen Mazedonien, Kroatien und Ungarn fest. Ungarn begann sogar, eine Mauer an seiner Grenze zu errichten. Es herrschte also eine humanitäre Krise unvorstellbaren Ausmaßes, und es gibt nun einmal ein Recht auf Asyl, das in der Genfer Menschenrechtskonvention und der UN-Charta festgelegt ist. In der Flüchtlingsfrage hat Frau Merkel also richtig gehandelt, aber man muß natürlich auch die ganze Politik ändern, wenn man die Flüchtlinge beherbergen will.

In der EU fehlt jede Solidarität, ganz Osteuropa weigert sich, auch nur einen Flüchtling aufzunehmen. Der österreichische Außenminister machte vor kurzem Griechenland Vorwürfe, es tue nicht genug für die Sicherheit an den Außengrenzen der EU. Und die griechische Regierung antwortete ganz richtig: „Was sollen wir denn machen? Sollen wir auf die Flüchtlinge in den Booten schießen und sie zurück aufs Meer treiben?“

Sie alle haben die schrecklichen Bilder gesehen, auf denen kleine Kinder zwischen Soldaten und Stacheldraht eingezwängt sind. Wenn sich das nicht auf humane Weise lösen läßt, dann wäre es das moralische Ende Europas. Jeder halbwegs anständige Mensch wird das verstehen.

Eine andere Welt

Zum Glück ist das aber nicht das ganze Bild, denn derzeit gibt es zwei sehr unterschiedliche Welten: Auf der einen Seite ist die kollabierende transatlantische Welt, aber auf der anderen Seite entsteht, hauptsächlich von China ausgehend, ein völlig anderes politisches System. Glauben Sie nicht der Stimmungsmache gegen China, die Sie in der Washington Post oder New York Times lesen. Ich beschäftige mich schon seit über 45 Jahren mit China, und ich kann Ihnen versichern, in China spielt sich derzeit nicht nur ein Wirtschaftswunder ab. Die Nachricht, der Sturz der chinesischen Börse habe all die Probleme in der atlantischen Welt ausgelöst, ist kompletter Unsinn, denn Chinas Realwirtschaft ist in bester Verfassung, und man wird in der zweiten Jahreshälfte von 2016 sehen, daß sich all die vielen Investitionen in die Realwirtschaft auszahlen werden.

Präsident Xi Jinping war gerade im Nahen Osten; er besuchte Saudi-Arabien, Iran und Ägypten. Der Gesamtumfang der Investitionen allein in diesen drei Ländern beläuft sich auf 55-100 Mrd. Dollar. Und wenn man sich die umfangreichen Investitionen ansieht, die China in vielen, vielen Ländern gemacht hat – in Lateinamerika, in Asien, in Afrika und Osteuropa -, dann ist zu erwarten, daß daraus ein Wirtschaftsmotor entsteht, der in den nächsten Jahren noch stärker wird.

Aber noch wichtiger ist, daß China vor etwas mehr als zwei Jahren ein ganz neues Vorhaben begonnen hat: die Neue Seidenstraße. Hinter der Neuen Seidenstraße steht die gleiche Idee wie bei der antiken Seidenstraße unter der Han-Dynastie vor 2000 Jahren, nämlich, die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit, den Austausch wissenschaftlicher Ideen und die infrastrukturelle Integration der ganzen Erde zu fördern. Ich denke, dies hat auch die Politik der BRICS-Staaten beeinflußt. Das entwickelt sich jetzt sehr schnell. Es gibt inzwischen eine strategische Partnerschaft zwischen China, Rußland, Indien und vielen weiteren Ländern, die eng miteinander kooperieren – wie zum Beispiel jetzt China und der Iran. Es gibt entlang dieser Routen zunehmende Aktivitäten zwischen vielen Ländern, etwa zwischen China und Griechenland. Osteuropäische Länder haben sich an China gewandt, damit China ihnen beim Bau von Schnellbahnen hilft. Und China investiert in vielen afrikanischen Ländern und anderen Gegenden der Welt.

Soll man darin eine Bedrohung der Vereinigten Staaten sehen? Nur wenn, man die einzige Option darin sieht, an einer unipolaren Welt festzuhalten – an einem Punkt, wo eine multipolare Welt längst Realität ist. Die Vorstellung, es müßte eine unipolare Welt geben und man müßte alle Regierungen auf der Welt, die sich einer solchen Ordnung nicht unterwerfen, durch Regimewechsel beseitigen, hätte unausweichlich zur Folge, daß wir uns als Zivilisation selbst auslöschen. Chinas Angebot auch an die USA steht. Xi Jinping hat auf dem APEC-Treffen 2014 in Beijing zu Präsident Obama gesagt: Wir bieten den Vereinigten Staaten und anderen Großmächten eine „Win-Win-Kooperation“ an, um die Weltwirtschaft auf eine ganz neue Ebene zu heben.

Soweit ich weiß, hat Obama darauf nicht geantwortet. Doch eine solche Zusammenarbeit wird jetzt eine immer realistischere Möglichkeit, nachdem wir unseren Bericht Die Neue Seidenstraße wird zur Weltlandbrücke veröffentlicht haben. Wir arbeiten schon seit dem Zerfall der Sowjetunion an der Idee einer Neuen Seidenstraße. Das war unsere Antwort auf den Fall der Berliner Mauer. Schon 1991 schlugen wir vor, Europa und Asien durch sog. „Infrastrukturkorridore“ zu verbinden. Seit 25 Jahren setzen wir uns für diese Politik ein, und deshalb waren wir natürlich sehr glücklich, als Xi Jinping 2013 sagte, die Neue Seidenstraße sei jetzt die chinesische Politik. Wir waren überglücklich und sagten, das ist genau der Weg, aus dieser Misere herauszukommen.

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Abb. 1: Die Infrastrukturkorridore der Weltlandbrücke

Wir begannen dann mit der Erstellung unseres Berichts. Sie sehen hier eine Karte mit all den Korridoren, Brücken und Tunneln, die letztlich alle Kontinente dieser Erde miteinander verbinden und eine Einheit für alle unterschiedlichen Entwicklungsgebiete auf unserem Planeten schaffen werden (Abbildung 1). Spätestens seit 2012 haben wir gesagt, daß dies der einzige Weg ist, um den Terrorismus im Nahen Osten zu beenden und dieser geschundenen Region der Welt Frieden zu bringen.

Ich nenne dies nur ungern einen „Marshallplan“, weil der Marshallplan immer einen Beigeschmack vom Kalten Krieg hat, aber ich benutze diesen Begriff dennoch, nur um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, daß es schon einmal Beispiele für einen erfolgreichen Wiederaufbau kriegszerstörter Regionen gegeben hat. Ich selbst spreche lieber von einer Erweiterung der Neuen Seidenstraße in den Nahen Osten. Die Neue Seidenstraße vereint schon jetzt Zentralasien; sie wird nach Südasien ausgebaut. Es entsteht bereits ein Korridor von China durch Pakistan bis zum Persischen Golf.

2012 veranstalteten wir in Frankfurt eine Konferenz, auf der wir einen Seidenstraßen-Marshallplan für Südwestasien, den Mittleren und Nahen Osten, und für Afrika als einzigen Weg zur Überwindung des Terrorismus vorschlugen.

Wie Sie wissen, ist der Terrorismus eine wirkliche Bedrohung geworden, wir haben das in Paris im letzten Jahr zweimal gesehen: erst dasCharlie-Hebdo-Massaker und dann das schreckliche Blutbad später im Jahr. Es gibt Terroranschläge in fast allen Ländern der Welt. Läßt sich dieser Horror stoppen, indem man den Islamischen Staat oder Al-Kaida bombardiert? Natürlich muß man etwas unternehmen. In meinen Augen ist der beste Ansatz derzeit aber das, was US-Außenminister Kerry zusammen mit seinem russischen Amtskollegen Lawrow bei der Syrien-Konferenz in Wien zustandebrachte, als es ihnen gelang, Saudi-Arabien, Iran, die Türkei und andere Parteien des Nahen Ostens an einen Tisch zu bringen. Die Fortführung dieser Konferenz hat sich verzögert, weil es immer noch einige Spannungen gibt: Saudi-Arabien will bestimmte Oppositionsgruppen aus Syrien nicht, die Türken wollen die Kurden nicht, usw.

Aber es wäre viel erreicht, wenn sich Rußland, die Vereinigten Staaten, China und andere Großmächte zusammentun und sagen: „Wir werden ISIS militärisch ausschalten, aber man muß noch mehr tun.“ Wir brauchen nämlich ein Wiederaufbauprogramm, das den Menschen im Nahen Osten die reale Hoffnung gibt, daß das soziale Umfeld, aus dem Al-Kaida, Al-Nusra, ISIS usw. ihre Kämpfer rekrutieren, ausgetrocknet wird. Nur wenn man einen Seidenstraßen-Marshallplan in der Region umsetzt, läßt sich das erreichen.

Alle Länder, Rußland, China, Indien, Iran, Ägypten, Deutschland, Italien, Frankreich und die Vereinigten Staaten müssen dabei zusammenarbeiten und sagen: Wir betrachten die gesamte Region vom Kaukasus bis zum Persischen Golf, von Afghanistan bis zum Mittelmeer als eine Region und beginnen sie realwirtschaftlich zu entwickeln. Wir erklären der Wüste den Krieg; wir erzeugen mehr Wasser. Wenn Sie einmal über diese Region geflogen sind, sehen Sie dort nur Wüste; nicht einmal kleine Oasen gibt es dort. Es müssen also große Mengen Meerwasser entsalzt werden, was nur mit Hilfe der Kernenergie möglich ist. Man muß die Feuchtigkeit in der Atmosphäre durch Ionisation anzapfen. Man kann unterirdische Wasseradern erschließen und andere Methoden nutzen. Dadurch lassen sich die Landwirtschaft und die Forstwirtschaft entwickeln. Die Infrastruktur muß aufgebaut werden, und zwar so dicht wie in Deutschland, das in bezug auf Infrastruktur ein hoch entwickeltes Land ist. Dann kann man neue Städte und Industrieanlagen bauen.

Damit gibt man den Menschen in der Region neue Hoffnung – eine Hoffnung, daß es wieder eine Zukunft gibt. Daß sie Ingenieure werden können, daß sie Wissenschaftler werden können und daß es sich lohnt, eine Familie zu gründen. So bringt man Frieden in den Nahen Osten und nach Afrika.

Ich habe mich dafür in vielen Vorträgen ausgesprochen, und man sagte mir, das sei alles völlig utopisch. „Wer soll das bezahlen?“ Ich bin jedoch der Meinung, daß man, wenn ein altes Paradigma zusammenbricht und man einen guten Plan hat, trotzdem erfolgreich sein kann, einfach weil man als einziger die richtige Idee hat.

Ich bin ziemlich sprachlos und völlig überrascht, aber ich muß Ihnen mitteilen, daß in Deutschland ausgerechnet jemand, der ganz bestimmt nicht zu meinen Lieblingen zählt, Wolfgang Schäuble, jetzt zu einem Marshallplan für den Nahen Osten aufgerufen hat! Er machte diese Äußerung in einer Rede in Davos, in der er zur Überraschung aller sagte: Europa soll Milliarden in die Hand nehmen, um die Lebensbedingungen in den Herkunfts- und Nachbarländern zu verbessern. Laßt uns eine „Koalition der Willigen“ machen“ – eine herrliche Umkehrung von Bushs Koalition der Willigen, der damit zum Krieg aufgerufen hatte. Ausgerechnet Schäuble fordert nun also eine Koalition der Willigen, um den Nahen Osten wiederaufzubauen. In vielen deutschen Zeitungen wird inzwischen darüber berichtet.

Ich habe oft gesagt, wenn es keine Vernunft mehr gibt, an die man appellieren kann, dann ist das einzige, das eine politische Änderung bewirken kann, der „brennende Kittel“, wie ich es nenne. Das heißt, Leute setzen sich erst in Bewegung, wenn sie merken, daß es ihnen am Hintern etwas zu heiß wird. Ich kann Ihnen versichern, die aktuelle Flüchtlingskrise ist genau das, denn die EU steht dadurch vor dem Aus. Wenn alle Länder wieder ihre Grenzen schließen, ist das Schengen-Abkommen aus dem Fenster. Und es hat bereits eine offene Debatte darüber eingesetzt, daß wenn es kein Schengen mehr gibt, dann auch die Europäische Währungsunion keinen Sinn mehr hat. Dann fällt die Eurozone auseinander – und wahrscheinlich auch die gesamte EU, weil es keine Existenzberechtigung für das von Maastricht bis Lissabon entwickelte Bündnis mehr gibt.

Das Paradigma ändern

Ich denke, die heutige Lage ist äußerst spannend. Was wir brauchen, ist eine Änderung des Paradigmas. Die Menschen sollten erkennen – Sie mögen vielleicht nicht glauben, was ich sage, aber Sie sollten einmal darüber nachdenken -, daß wir, wenn wir in dem alten Paradigma geopolitischer Konfrontation mit Rußland und China bleiben, sehr wahrscheinlich als Zivilisation nicht fortbestehen werden.

Aber betrachten wir einmal den längeren Bogen der Evolution, dann sieht man, daß es die Menschheit erst seit sehr kurzer Zeit gibt, seit einigen Millionen Jahren. Schriftzeugnisse und andere lesbare Artefakte sind seit etwa 10.000 Jahren bekannt. Denken Sie nur daran, welche ungeheure Entwicklung die Menschheit in diesen 10.000 Jahren seit der Steinzeit durchgemacht hat! Damals konnte man seinen Nachbarn mit einem Steinbrocken erschlagen, heute kann man mit einem Smartphone der gleichen Größe internationale Konferenzen abhalten und mit Menschen auf der ganzen Welt telefonieren. Und in weiteren 10.000 Jahren werden die Menschen sagen: „Ach je, damals dachten die Leute, ihre Smartphones wären ein großer Fortschritt“, denn sie werden dann zwischen mehreren Galaxien miteinander kommunizieren, und sie werden auf unsere Zeit als die „Steinzeit“ zurückblicken.

Die heutige Menschheit braucht viel mehr Optimismus! Schließlich ist die Menschheit ist einzige Gattung, die immer wieder ihr Wissen über das reale Universum umkrempeln und neue Entdeckungen machen kann. Ich denke, die Menschheit hat eine unendliche Fähigkeit, sich intellektuell und moralisch zu verbessern. Die Menschen müssen nicht so bösartig bleiben, wie sie es heute sind. Ich halte die Drogenkultur in all ihrer Abscheulichkeit der Menschheit nicht würdig. Wenn wir einen wirtschaftlichen Wiederaufbau mit einer kulturellen Renaissance verbinden, dann werden wir nach meiner festen Überzeugung in eine neue Ära der Zivilisation eintreten, in der der Mensch wirklich Mensch sein wird! Wahre Schönheit!

Wir haben für unseren Landbrückenbericht einen Zusatz ausgearbeitet, er heißt: „Die Vereinigten Staaten schließen sich der Seidenstraße an“. Darin wird dazu aufgerufen, daß die Neue Seidenstraße nicht nur in Asien und Afrika entsteht, sondern daß auch die Vereinigten Staaten dringend eine Seidenstraßen-Entwicklung brauchen. Gibt es in den USA ein Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz? Ich glaube nicht. Haben die USA einen gut funktionierenden Luftverkehr? Ich denke, er ist ziemlich heruntergekommen und alt.

Warum also nicht zwischen Ost- und Westküste, zwischen Nord und Süd 50.000 km Hochgeschwindigkeitstrassen für Magnetbahnen oder andere Schnellbahnen bauen? Warum nicht einige Städte, die heute zerfallen, wieder aufbauen? Ein paar wirklich schöne Städte für den Süden der USA! Inspirieren wir junge Menschen, wieder zum Mond zu fliegen, die NASA wiederaufzubauen und zum Mars zu fliegen, um herauszufinden, warum und wie das Universum so aufgebaut ist, wie es ist.

Auch gibt es ein Problem mit der Sonne, denn in zwei Milliarden Jahren wird die Sonne auf unserem Planeten Erde nicht mehr so angenehm scheinen wie jetzt. Deswegen müssen wir uns als Gattung darüber Gedanken machen, wie wir anderswo in der Galaxie oder jenseits davon weiterleben können.

Ich meine, wir brauchen eine ehrliche, angstfreie Diskussion über ein neues Paradigma. Wir sollten uns auch darüber bewußt werden, daß zur Staatskunst auch eine schöne Kultur gehört, die die Menschen erhebt. Ich habe das Schiller-Institut nach Friedrich Schiller benannt, weil Schillers Menschenbild das schönste ist, das ich auf dieser Welt gefunden habe. Schiller war der Überzeugung, daß Kunst nur dann Kunst ist, wenn sie schön ist und die Menschen veredelt.

Deshalb müssen wir den wirtschaftlichen Wiederaufbau mit einer Renaissance der klassischen Kultur verbinden und dann einen Dialog über die Hochphasen sämtlicher Kulturen in Gang setzen. Vor allem mit dem Konfuzianismus in China, der dort glücklicherweise im Augenblick eine Renaissance erlebt und das ganze Land in Begeisterung versetzt. Die Menschen in China sind sehr optimistisch, sie vertrauen ihrer Regierung. Können Sie sich das vorstellen, daß jemand seiner Regierung vertraut? Sie stehen gut da. China brachte wunderschöne Poesie und Malerei, Menzius und andere große neukonfuzianische Denker hervor.

Auch Indien hat viele Höhepunkte hervorgebracht, etwa die Gupta-Periode. Die arabische Welt war einmal in einem sehr viel besseren Zustand, während der Abbassiden-Dynastie, als Bagdad die Kulturhauptstadt der Welt war. Es gab die italienische Renaissance und die andalusische Renaissance. Wenn wir alle diese Höhepunkte der Kultur wiederbeleben, bin ich absolut sicher, daß wir eine neue Renaissance der menschlichen Zivilisation erschaffen können, diesmal auf völlig anderen Axiomen als in der heutigen zerfallenden transatlantischen Welt.

Ich möchte damit schließen, aber bedenken Sie, daß wir uns nahe am Rande einer unvorstellbaren Katastrophe befinden. Aber wir können das herumdrehen, wenn wir zu einem Glass-Steagall-Trennbankensystem übergehen, die Wall Street dicht machen, ein neues Kreditsystem schaffen und die Produktion wieder ankurbeln. Dann wird es ganz einfach sein.