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Helga Zepp-LaRouche: Eröffnungsrede

Helga Zepp-LaRouche

Gründerin des Schiller Institutes


 

Die folgende Rede hielt Helga Zepp-LaRouche, die Präsidentin des Schiller-Instituts und Bundesvorsitzende der BüSo, zur Eröffnung der internationalen Konferenz des Schiller-Instituts am 13. und 14. Juni 2015 in Paris. Der Text wurde aus dem englischen Original übersetzt.

Ich möchte meiner eigentlichen Rede einen kurzen Bericht voranstellen über das, was Herr LaRouche gestern gesagt hat – denn wir hatten gestern einige extrem wichtige Entwicklungen. Präsident Obama ging zum Kongreß und versuchte, die Mitglieder der Demokratischen Partei im Kongreß zu bedrohen, und sagte ihnen, sie müßten unbedingt für die TPA [die Ermächtigung zum Aushandeln von Freihandelsabkommen] stimmen, wie sie jetzt genannt wird – und daß es in dieser Frage nicht um das Freihandelsabkommen ginge, sondern um seine Person.

Und es wurde berichtet, daß die Kongreßabgeordneten nach dieser 40minütigen Sitzung völlig wütend waren, und dann stimmten sie mit überwältigender Mehrheit gegen diesen TPA-Entwurf, was wirklich eine schwere Niederlage für ihn war – eine von vielen Niederlagen, die Obama in jüngster Zeit einstecken mußte. Und Herr LaRouche kommentierte, dies sei nicht bloß Ausdruck eines kurzfristigen Widerstands in letzter Minute, sondern eines Prozesses der Rebellion, der in jüngster Zeit auf beiden Seiten des Atlantiks in Gang gekommen sei. Und darin spiegle sich die Erkenntnis wichtiger Fraktionen wider, daß uns akut ein thermonuklearer Krieg droht.

Dies bedeute, daß man in nächster Zeit damit rechnen müsse, daß sich die Neigung der Regierung Obama, Konfrontationen voranzutreiben, sogar noch verstärken wird. Aber man müsse die eigentliche Ursache anpacken, nämlich daß die Wall Street reif für die Schlachtbank ist, daß das ganze transatlantische Finanzsystem hoffnungslos bankrott ist. Die einzige Hoffnung liege darin, daß ein Block von Nationen existiert, die numerisch gesehen viel stärker seien.

Aber man müsse auch verhindern, daß die Welt ins Chaos abgleitet. Und deshalb brauche man ein Programm, das dieses Problem unmittelbar anpackt, denn wir stehen vor dem Platzen der griechischen Schulden, das sofort Konsequenzen auch für Spanien und Italien haben wird, und auch wenn Deutschland in einer relativ stärkeren Position ist, stehen wir damit vor dem Zusammenbruch des gesamten transatlantischen Finanzsystems.

Deshalb muß man Maßnahmen der Art ergreifen, wie sie Franklin D. Roosevelt in der Zeit von 1932-39 ergriff, das ist es, worauf wir uns konzentrieren müssen. Und ich denke, das ist etwas, womit wir uns in unseren Erörterungen bei dieser Konferenz befassen müssen.

Denn dies ist keine akademische Konferenz, sondern ein Versuch, zu intervenieren, in einem Augenblick, in dem sehr klar ist, daß beispielsweise die Institutionen der G-7, die gerade ihr Gipfeltreffen hatten, völlig darin versagen, etwas gegen diese existentiellen Gefahren für die Zivilisation zu tun.

Ich werde auf die optimistischen Lösungen zurückkommen, aber lassen Sie mich Ihnen sagen: Die Menschheit war noch nie in einer so gefährlichen Lage.

Aber ich will zunächst meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, daß ich absolut davon überzeugt bin, daß es möglich ist, die Zivilisation zu retten, und die wunderbaren Optionen und Alternativen, die hier der Gegenstand unserer Diskussionen sein werden, zu realisieren. Wenn wir unsere Arbeit richtig erledigen – und das wird offensichtlich nicht nur von uns abhängen, aber meiner Meinung wird unsere Intervention nach den Ausschlag geben, ob der Menschheit die Selbstvernichtung oder eine neue Ära der Zivilisation bevorsteht -, dann kann die Welt schon sehr bald eine ganz andere sein.

Ich denke, es ist wichtig, von der Vision auszugehen, wohin wir gelangen wollen. Denn es kann ganz andere Beziehungen zwischen den Nationen geben, wo nicht geopolitische Konfrontationen im Mittelpunkt stehen, nicht die vermeintlichen engen, nationalen Interessen im Widerspruch zu den nationalen Interessen anderer Länder, sondern wo wir uns auf die gemeinsamen Ziele der Menschheit einigen. Wir können eine neue Weltwirtschaftsordnung haben, die allen Nationen dieses Planeten Gerechtigkeit verschafft, zusammen mit einer klassischen Renaissance der Kultur, die meiner Meinung nach genauso dringend ist, wenn man sich die derzeitige Degeneration der westlichen Kultur anschaut.

Aber das kann nur realisiert werden, wenn es uns gelingt, die Aufgabe zu erfüllen, die wir uns schon vor einiger Zeit vorgenommen haben, nämlich, die europäischen Nationen und die Vereinigten Staaten in eine Zusammenarbeit mit den BRICS-Nationen und Präsident Xi Jingpings „Win-win-Politik“ [eine Politik, bei der alle Seiten gewinnen] zu führen.

 

Nun, dies (Abbildung 1) ist das Programm: ein Bauplan für die kommenden 50 Jahre – wenn man sich das Tempo der Entwicklung in China betrachtet, vielleicht sogar nur 20 Jahre, aber es könnte auch für die kommenden 100 Jahre sein.

Dies ist wirklich der Schlüssel. Dieses Programm für den Bau einer Weltlandbrücke, die alle Nationen auf dem Planeten in einer gemeinsamen Entwicklungsstrategie vereint, ist tatsächlich der Weg, wie man alle Probleme überwinden kann: die Kriegsgefahr, weil es wirklich eine Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert ist, die Unterentwicklung und den Hunger von Milliarden Menschen, weil es für Entwicklung und Produktion für alle sorgen würde. Es würde helfen, den Drogenhandel zu beseitigen, und es würde vor allem Hoffnung auf die Zukunft geben und damit die Dekadenz des Geistes überwinden.

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Abb. 1: Die im Auftrag von Helga Zepp-LaRouche erstellte 370seitige Studie „Die Neue Seidenstraße wird zur Weltlandbrücke“. (EIR)

 

Aber diese Wende muß sehr, sehr plötzlich kommen, denn sie ist sehr dringend.

Wenn man sich das Ergebnis des jüngsten G-7-Gipfels betrachtet, dann ist die Lage leider die, daß Bundeskanzlerin Merkel auf Druck von Obama, Cameron und Kanada Präsident Putin zum zweiten Mal ausgeschlossen hat, und dadurch bot Merkel das Forum für Obamas äußerst provokante Angriffe [auf Putin] am Ende des Gipfels.

Nun, angesichts der Tatsache, daß die G-7 nur 10% der Weltbevölkerung ausmachen, finde ich es ziemlich anmaßend, daß sie beschlossen haben, bis zum Jahr 2100 eine sogenannte Dekarbonisierung der Weltwirtschaft durchzuführen. Wer ermächtigt 10% der Weltbevölkerung, für die kommenden 90 Jahre das Programm für die Menschheit zu beschließen?

Falls sich die Geschichte überhaupt an sie erinnern wird, wird Frau Merkel wahrscheinlich mit ihrem berüchtigten Ausstieg aus der Kernenergie und dem kompletten Umstieg auf erneuerbare Energiequellen in die Geschichte eingehen. Die Dekarbonisierung würde bedeuten, daß wir nur noch Sonnenenergie und Wind haben, keine fossilen Energieträger mehr, und da sie auch gegen die Kernkraft ist, würde das praktisch bedeuten, was Herr Schellnhuber fordert, der den WBGU in Deutschland leitet, ein Beratergremium [der Bundesregierung], der aber auch ein „CBE“ ist, ein Commander of the British Empire: Er hat ein Programm für die Transformation der Weltwirtschaft entworfen, das die Weltwirtschaft dekarbonisieren würde. Und wenn man erkennt, daß es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen der Energieflußdichte im Produktionsprozeß und der Zahl der Menschen, die mit dieser Energieflußdichte versorgt werden können, dann muß man zu dem Schluß gelangen, daß die Zahl der Menschen, die damit erhalten werden können, bei etwa einer Milliarde Menschen liegt.

 

Dann war da das sehr ominöse Treffen zwischen Präsident Obama und Sir David Attenborough. Auf diesem Foto (Abbildung 2) sehen wir Sir David Attenborough, einen wichtigen Berater der britischen Krone in Umwelt- und Energiefragen. Er wurde von Obama kurz vor dem G-7-Gipfel eingeflogen, und es wurde zwar nicht publik gemacht, was sie besprochen haben, aber wir wissen, was Attenborough in der Vergangenheit gesagt hat – nämlich, daß die Menschheit eine Pestilenz sei, daß sie massiv, mindestens um die Hälfte reduziert werden sollte. Man kann von daher annehmen, daß das, was von Obamas Seite in den Gipfel hineingetragen wurde, die britischen Ratschläge waren, wie man die Weltbevölkerung reduzieren kann.

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Abb. 2: Sir David Attenborough (EPA)

Nun, zum Glück gibt es drei wichtige deutsche Persönlichkeiten, die kurz vor dem G-7-Gipfel forderten, daß Präsident Putin eingeladen werden sollte. Das waren – sehr wichtig – der derzeitige Außenminister Frank-Walter Steinmeier und die früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder und Helmut Schmidt. Und Helmut Schmidt sagte, nicht nur Rußland sollte eingeladen werden, sondern auch China und Indien. Und Schmidt, der 95 Jahre alt ist – es scheint, daß es die Eigenart alter Leute ist, daß sie mehr Mut haben, die Wahrheit zu sagen, als viele Jüngere -, hat schon oft vor einem Dritten Weltkrieg gewarnt.

Man kann also sicher sein, daß diese Leute – und in diesem Sinne befindet sich Steinmeier wirklich auf einer ganz anderen Linie als Merkel – die Warnungen kennen, die in jüngster Zeit von Militärexperten kamen. Denn wir sind heute in einer Lage, die gefährlicher ist als auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Und der Höhepunkt des Kalten Krieges war die Kubakrise.

Nun, während der Kubakrise gab es, trotz extrem feindseliger Beziehungen, eine Kommunikation zwischen Präsident Kennedy und Chruschtschow, und es gelang ihnen, den Konflikt in letzter Minute zu entschärfen. Aber das ist zwischen Präsident Obama und Präsident Putin nicht der Fall. Viele Militärexperten haben darauf hingewiesen, daß die größte Gefahr oder eine der größten Gefahren insbesondere darin liegt, daß es keine Kommunikation zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland gibt.

Wie kamen wir in diese Krise?

Sie wurde seit langem vorbereitet, das begann faktisch 1997 mit der Entscheidung der Neokonservativen, die Pläne des PNAC, des Projekts für ein neues Amerikanisches Jahrhundert zu verfolgen. Das war die Idee, insbesondere nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zwischen 1989 und 1991, daß es kein Land geben sollte, das nicht Teil des Imperiums ist, das von den Anglo-Amerikanern auf der Grundlage der Sonderbeziehung zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten geleitet wird. Und es wird ausdrücklich das Ziel genannt, eine globale Vorherrschaft der USA aufrechtzuerhalten und das Aufkommen einer Macht oder einer Gruppe von Nationen, die die Macht der Vereinigten Staaten in Frage stellt, zu verhindern. Und das ist die geltende Vorstellung, das wurde nur in der Ära Clinton kurz und teilweise unterbrochen, aber es wurde von Bush senior, den beiden Regierungen Bush junior und nun seit sechseinhalb Jahren von Obama umgesetzt.

Diese Politik bedeutete, daß man gleich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit den systematischen Regimewechseln begann, durch eine ganze Reihe von Maßnahmen – Farben-Revolutionen, bezahlte NGOs mit dem Ziel, demokratisch gewählte Regierungen zu stürzen, durch Sanktionen. Wir sehen das im Falle Rußlands, wo es das einzige Ziel der Sanktionen ist, einen solchen Aufruhr in Rußland herbeizuführen, daß man ein Maidan-Phänomen in Moskau organisieren und Putin loswerden kann.

Das schloß ein, daß die NATO und die EU bis an die Grenzen Rußlands vorrückten, obwohl nach Aussage von John Matlock, der US-Botschafters in Moskau während des Zusammenbruchs der Sowjetunion war, versprochen worden war, daß es dazu niemals kommen würde. Diese Zusagen wurden nicht eingehalten, und das bedeutet, daß Truppen und Militärgerät bis an die russischen Grenzen vorverlegt wurden.

Und nun gibt es seit ein paar Tagen extrem fadenscheinige Vorwürfe, Rußland habe den INF-Vertrag verletzt. Das könnte mit einem angeblichen Teststart einer seegestützten Lenkrakete von einer landgestützten Startanlage zusammenhängen, was, falls so etwas oder etwas ähnliches tatsächlich geschehen sein sollte, ein extrem geringfügige technische Frage wäre. Aber wie ich schon sagte, nicht einmal das ist bewiesen. Die russische Seite hat sehr klar darauf bestanden, daß es keine Beweise dafür gibt, und der stellvertretende Verteidigungsminister Antonow sagte, die USA würden diese Behauptungen gegen Rußland aufbauschen, um ihre eigenen militärischen Pläne zu rechtfertigen, nämlich, die amerikanischen Kurz- und Mittelstreckenraketen wieder nach Europa und in andere Regionen zu verlegen.

Als Obama ins Amt kam, hatte er versprochen, die Kernwaffen zu reduzieren und letztendlich abzuschaffen. Aber jetzt Kernwaffen wieder nach Großbritannien zu verlegen, was dieses in Person von Cameron bereits akzeptiert hat, und an andere Orte, ist wirklich ein Schritt in Richtung Nuklearkrieg. Und einige Leute glauben, das solle ein Nuklearkrieg in Europa sein, aber es liegt in der Logik des Nuklearkrieges, daß er nicht nur Europa treffen würde. Es wäre ein allgemeiner, globaler thermonuklearer Krieg, den niemand überleben würde.

General Iwaschow, der jetzt die Akademie für Geopolitik leitet, nannte es eine umgekehrte Kubakrise. Und es ist die Umsetzung der Cheney-Wolfowitz-Doktrin einer unipolaren Welt.

Nun hat die Regierung Obama erstmals zugegeben, daß sie über die Option nachdenkt, aus dem INF-Vertrag auszusteigen und Counterforce-IRBM (Mittelstreckenraketen) nach Europa zu verlegen, oder sogar „ausgleichende“ Kapazitäten mit der Möglichkeit eines präventiven Nuklearangriffs gegen Ziele in Rußland.

Auch die Transformation der Militärdoktrin in letzter Zeit – der „Prompt Global Strike“, die amerikanischen Raketenabwehrsysteme – sind faktisch Erstschlagsdoktrinen. Und wenn Sie sich an das erinnern, was Präsident Putin sagte, als er um Weihnachten die Anpassung der russischen Militärdoktrin verkündete: Da sagte er, es könnte der Punkt erreicht werden, an dem sich Rußland gezwungen sieht, Kernwaffen einzusetzen, um diese Gefahr abzuwenden. Das sollte Ihnen zeigen, warum wir wirklich in tödlicher Gefahr schweben und unbedingt handeln müssen.

Auf der Internetseite der NATO sind derzeit 71 Manöver und Ereignisse zwischen April und November aufgezählt, alle dicht an der russischen Grenze, im Baltikum, in der Ostsee und im Schwarzen Meer, und Poroschenko hat soeben angekündigt, daß er jegliche militärische Zusammenarbeit mit Rußland beendet, was die Versorgung der russischen Truppen in Transnistrien in Moldawien blockiert. Damit könnten sich die Ereignisse von Georgien 2008 wiederholen, aber es könnte auch als Vorwand für Aktionen gegen Rußland dienen.

Rußland intensiviert seine strategischen Beziehungen zu China und Indien, und Rußland und China üben in einem Manöver namens Joint Sea 2015 im Fernen Osten gemeinsam mit Luft- und Seelandungstruppen.

Angesichts der Tatsache, daß der Vorwand für alle diese Eskalationen gegen Rußland die Lage in der Ukraine ist – angeblich die Frage der Krim -, sollte unbedingt darauf hingewiesen werden, was diese Ereignisse ausgelöst hat, nämlich einerseits der faschistische Putsch [in Kiew] vom 18.-22. Februar 2014 und vorher die Versuche, die Ukraine durch das Assoziationsabkommen in die EU zu ziehen. Und Helmut Schmidt sagt, was ich vollkommen unterstütze, daß die eigentliche Ukraine-Krise schon viel früher begann, mit dem Maastricht-Vertrag, denn damit begann eigentlich diese Idee der Osterweiterung der EU.

Das Geschehen beim G-7-Treffen kann man nur als ein selbstmörderisches Delirium von Seiten Deutschlands, Frankreichs, Italiens und anderer Nationen bezeichnen. Die einzige Chance ist es, die Opposition von Steinmeier, Schmidt und Schröder zu eskalieren. Merkel sollte meiner Meinung nach abgelöst werden, weil sie gegen ihren Amtseid verstößt – Schaden vom deutschen Volk abzuhalten -, und wegen ihres skandalösen Verhaltens in der NSA-BND-Affäre, die die Rechte der gesamten deutschen Bevölkerung verletzt – und nicht nur der deutschen Bevölkerung, da ja, wie Sie wissen, in Zusammenarbeit von BND und NSA auch Frankreich, Belgien, Österreich und sogar die deutsche Industrie ausgespäht wurden. Und sie weiß offensichtlich nicht, daß die deutsche Wirtschaft ohne die Kooperation mit Rußland und den BRICS nicht funktionieren kann.

Nun, Rußland ist Teil von Europa, und die Sanktionen, die eingeführt wurden, um Rußland zu schaden, sind wirklich extrem dumm. Denn sie schaden nicht nur Rußland, das natürlich auch darunter leidet, sondern beispielsweise sind die deutschen Maschinenbauexporte nach Rußland im ersten Quartal dieses Jahres um 28% zurückgegangen, und die deutsche Industrie ist extrem wütend darüber, daß im selben Zeitraum die US-Exporte nach Rußland um 17% gewachsen sind.

Es gibt in Europa derzeit nicht bloß eine Stagnation der Wirtschaft, sondern momentan gibt es nichts, um Europa vor dem Auseinanderbrechen zu schützen – insbesondere angesichts der drohenden Explosion der Lage in Griechenland, die sich offensichtlich zuspitzt. Merkel sollte also entweder zum Rücktritt gezwungen oder an die Leine genommen werden, durch Kräfte in Deutschland aus Industrie, Militär und einem größeren Teil der SPD, für die diese drei Persönlichkeiten stehen.

Aber wir sollten uns auch darüber im klaren sein, daß es, solange die Vereinigten Staaten dieser geopolitischen Idee folgen, die schon viel weiter zurückreicht, vielleicht schon hundert Jahre, darum geht, eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland zu verhindern. Und ich denke, und das ist nicht bloß die Aufgabe Deutschlands, sondern ganz Europas, wir müssen sicherzustellen, daß die Sanktionen sofort beendet werden. Und das ist sehr einfach. Alles was wir sagen müssen, ist: nehmt den Handel mit Rußland wieder auf, und das wäre der erste Schritt zurück zur Normalität.

Aber die Erklärungen zur Dekarbonisierung und zum Wirtschaftskrieg gegen Rußland sind nicht die einzigen schrecklichen Übel, die beim G-7-Gipfel vereinbart wurden. Sie beschlossen eine harte Linie gegenüber Griechenland, eine Austeritätspolitik ausschließlich zugunsten der „Too-big-to-Fail“-Banken [Großbanken, die „zu groß zum scheitern“ sind] – und man sollte dabei erwähnen, daß 97% der sogenannten Rettungspakete tatsächlich an die Banken flossen. Und was Griechenland aufgezwungen wird, ist eine Art von Schuldenkerker oder Schuldenkorsett in der Tradition von Versailles und Brüning.

Jean Ziegler, ein prominenter schweizerischer Aktivist und UN-Vertreter, sagte, daß die modernen Sklavenhalter heute in den oberen Etagen der Banken und multinationalen Konzerne sitzen. Und er bezeichnete das gegenwärtige System der Globalisierung als „kannibalistisch“, was vollkommen richtig ist.

Die üblichen Eurozentristen werden sagen: „Ach, der Herr Ziegler ist zu radikal.“ Aber wenn man darüber nachdenkt – ist es nicht wahr? Was ist der Unterschied zwischen den Schiffen der Sklavenhalter und der Plantagenbesitzer der Konföderierten Staaten von Amerika, wo Tausende von Menschen ertranken oder an Hunger und Durst starben, und der Flüchtlingskrise im Mittelmeer, wo fast jede Woche Tausende von Menschen ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren und eine 50prozentige Chance haben, daß sie nicht durchkommen, wenn sie vor dem Krieg im Nahen Osten, dem Hunger und den Epidemien in Afrika und dem Terrorismus fliehen?

Die EU-Politik gegenüber den Flüchtlingen spiegelt meiner Meinung nach den völligen moralischen Bankrott der Institutionen wider. Denn sie dienen nur dem Interesse der Großbanken und des Weltwährungsfonds, die von Interessen gesteuert werden, die praktisch den gesamten Entwicklungssektor in eine riesige Plantage verwandelt haben. Denken Sie an den Landraub, die Spekulationen mit der Wasserknappheit, bei denen Wasserprojekte blockiert werden, zu dem Zweck, die Wasserpreise hochzuhalten und mit in Flaschen abgefülltem Wasser zu spekulieren und die Nahrungsmittelkette zu beherrschen. Jean Ziegler hat gesagt, jedes Kind, das verhungert, wird ermordet. Und ich stimme dem zu, denn es wäre so leicht, das zu ändern. Man bräuchte nicht mehr als ein halbes Jahr, um das zu beenden.

Vor einigen Tagen sah ich im Flugzeug den Film „12 Jahre lang Sklave“, ein bemerkenswerter Film. Ich ermutige normalerweise nicht dazu, Filme anzuschauen, aber dieser ist sehr empfehlenswert, weil er die Mentalität der Sklavenhalter erfaßt, die noch heute in den probritischen Strömungen in den USA sehr lebendig ist.

Hinter dieser unipolaren Weltanschauung steht in Wirklichkeit die Mentalität der Sklavenhalter und der Sklaventreiber in moderner Form. Sicher, die Vorstandschefs der Großbanken und die EU-Bürokraten haben wahrscheinlich nicht diese perverse Lust, die in diesem Film dargestellt ist, wo der Sadismus und die absolut widerliche Mentalität an die Grenzen dessen gehen, wozu Menschen überhaupt fähig sind. Aber trotzdem sind sie die Vordenker und Schreibtischtäter: Sie spekulieren mit CO2-Zertifikaten, und die Konsequenzen ihrer Politik könnten ihnen nicht gleichgültiger sein. Solange sie ihre Profite machen, ist es ihnen ganz egal, was in der Folge mit den Menschen geschieht.

Nun nochmals zu Attenborough, der sagte, wir Menschen seien eine Pestilenz der Erde und wir müßten die Explosion der Zahl der Menschen eindämmen. Er ist verbunden mit dem sogenannten Optimum Population Trust/Population Matters, der fordert, die Zahl der Menschen bis zum Ende des Jahrhunderts auf die Hälfte zu reduzieren – das wären 3,5 Milliarden. Er denkt also wahrscheinlich gerade darüber nach, wer von den anderen Personen beseitigt werden sollte. Man muß das ganz persönlich nehmen!

Friedrich Schiller hat in seiner wunderschönen Schrift Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon Sparta als das oligarchische Modell dargestellt, und er sagt darin, daß im oligarchischen Modell Heloten beseitigt werden können. Man darf sie töten, wenn es zu viele von ihnen gibt.

Bertrand Russell schreibt in seinem Buch The Impact of Science on Society (1952, dt.: „Wissenschaft wandelt das Leben“):

„Demgegenüber läßt sich einwenden, daß schlechte Zeiten keine Dauer-, sondern Ausnahmezustände sind und man ihnen auch mit außergewöhnlichen Mitteln zu begegnen hat. Während der Flitterwochen der Industrialisierung war dies Verfahren mehr oder weniger richtig; wenn sich aber die Bevölkerungszunahme nicht mehr erheblich verlangsamen läßt, dann verliert dieser Einwand an Bedeutung. Gegenwärtig vermehrt sich die Weltbevölkerung täglich um 58.000 Menschen. Die Kriege haben bis heute keinen wesentlichen Einfluß darauf gehabt, denn die Zunahme hielt während beider Weltkriege unvermindert an… Der Krieg hat sich bisher, wie bemerkt, als enttäuschender Versager erwiesen, aber vielleicht ist der bakteriologische Krieg wirkungsvoller. Würde man in jeder Generation einmal den Schwarzen Tod über die Welt schicken, dann dürften die Überlebenden fröhlich weiterzeugen, ohne die Welt allzu eng zu machen… Es würden sich zwar etwas unangenehme Zustände entwickeln, aber was macht das schon? Die in Wahrheit hochherzigen Leute sind gegen das Glück immun, vor allem, wenn es das Glück anderer ist.“

In seiner Schrift Prospects of Industrial Civilization (1923, dt.: „Die Kultur des Industrialismus und ihre Zukunft“) schreibt Russell:

„Die weiße Bevölkerung der Welt wird schon bald aufhören, zu wachsen. Bei den asiatischen Rassen wird es lange und bei den Negern noch länger dauern, bis ihre Geburtenziffer genügend sinkt, damit die Bevölkerungszahl auch ohne die Hilfe von Seuchen und Krieg sich gleich bleibt… Bis das geschieht, können die Wohltaten, die der Sozialismus erreichen will, nur teilweise realisiert werden, und die weniger fruchtbaren Rassen müssen sich gegen die fruchtbareren mit Methoden verteidigen, die zwar abscheulich, aber notwendig sind.“

Mit dieser Geisteshaltung erscheint ein „netter kleiner Krieg“, wie es die Briten früher nannten, als das gerade richtige Mittel, sogar ein Nuklearkrieg: vielleicht „abscheulich, aber notwendig“.

Die Alternative

Aber zum Glück gibt es eine Alternative. Denn seit etwa zwei Jahren, als Präsident Xi Jinping die Neue Seidenstraße und die Maritime Seidenstraße ankündigte, und vor allem seit dem Fortaleza-Gipfel im Juli 2014 gibt es ein völlig anderes Wirtschaftssystem. Die BRICS haben untereinander eine enorme Zahl von Abkommen geschlossen – die Bereiche der Zusammenarbeit umfassen Infrastruktur, Wissenschaft und Technologie, Kernenergie, die Erschließung des Weltraums – im Umfang von mehreren Billionen Euros, Dollars usw.

Aus der Sicht der europäischen Gewohnheiten der letzten Jahre haben diese Länder das mit unglaublicher Geschwindigkeit getan, und andere Organisationen haben sich um die BRICS gesammelt. Ganz Lateinamerika, der größte Teil der ASEAN, Teile Afrikas und sogar Europas. Mit chinesischer Hilfe wird ein zweiter Panamakanal in Nikaragua gebaut. Die Chinesen planen den Bau einer transkontinentalen Eisenbahn von Brasilien nach Peru, das wurde beim jüngsten Besuch von Premierminister Li Keqiang in Lateinamerika vereinbart. Und sie bauen auch vier Tunnel zwischen Chile und Argentinien, alles mit direkten chinesischen Investitionen.

Aber darüber hinaus haben sie auch ein völlig neues, paralleles Finanzsystem geschaffen: die Neue Entwicklungsbank mit einem Startkapital von 100 Mrd.$; das Notfall-Reserve-Arrangement, das ist ein Pool, um die teilnehmenden Länder gegen Spekulationen zu verteidigen; die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB), bei der sich, ganz im Gegensatz zu den Wünschen der Regierung Obama, 58 Nationen drängelten, um Gründungsmitglieder zu werden, darunter Frankreich, Deutschland, Italien, Skandinavien. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit hat eine neue Bank, ebenso die südasiatische Organisation SAARC. Es gibt den Neuen Seidenstraßen Entwicklungsfonds und einen Fonds für die Maritime Seidenstraße. Und sie alle haben den ausdrücklichen Zweck, das Vakuum zu füllen, das der Weltwährungsfonds und die Weltbank hinterlassen haben, die nur 60 Mrd.$ pro Jahr für Infrastruktur-Investitionen ausgeben, und deshalb gehen diese Banken jetzt daran, in gewaltige Infrastruktur-Aufbauprogramme überall im Entwicklungssektor zu investieren.

Der Hauptimpuls hierfür kam offensichtlich vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping, aber es gibt auch eine äußerst enge Zusammenarbeit zwischen Rußland und China. Die Neue Seidenstraße und die Strategie „Ein Gürtel, eine Straße“ wurden in jüngster Zeit ganz mit der von Rußland geführten Eurasischen Union abgestimmt.

Es gibt auch eine enge strategische Zusammenarbeit zwischen Rußland und Indien, und bei Präsident Putins jüngstem Indienbesuch sagte Ministerpräsident Modi, Indien und Rußland seien schon in der Vergangenheit in der stärksten strategischen Sicherheitspartnerschaft vereint gewesen, und so werde es auch auf absehbare Zeit bleiben. Auch zwischen Indien und China wurde die strategische Partnerschaft gestärkt, und die territorialen und anderen Konflikte wurden auf Eis gelegt. Beim Besuch Li Keqiangs in Brasilien vor einigen Wochen gelang es ihm, einen strategischen Angriff der Wall Street auf Brasilien abzuwehren und die Destabilisierungsversuche gegen Präsidentin Dilma Rousseff zu stoppen.

Es bildet sich also ein ganz anderes Modell der Beziehungen zwischen den Nationen aus, auf der Grundlage anderer Prinzipien – nicht ganz neuer, denn es waren früher die Prinzipien der Vereinten Nationen, bevor sich die imperiale Politik durchsetzte -, wie Nichteinmischung, Respekt vor anderen Gesellschaftsmodellen, gemeinsamer wirtschaftlicher Nutzen, eine Win-win-Politik.

Offensichtlich hat dieses neue Wirtschaftsmodell eine enorme Anziehungskraft, und das hat zu einem Ausbruch des Optimismus geführt. Projekte, die seit vielen Jahren in den Schubladen lagen, wurden nun herausgenommen und werden realisiert.

Das chinesische Wirtschaftswunder ist ansteckend geworden. China hat sich seit den Reformen Deng Xiaopings und besonders in den letzten 30 Jahren in atemberaubendem Tempo entwickelt und konnte erreichen, wofür die industrialisierten Länder 150 oder 200 Jahre brauchten. Entgegen der Darstellung in den westlichen Medien hat China die beste Menschenrechtsbilanz der Welt, denn es wurden 800 Millionen Menschen aus bitterer Armut herausgeholt in einen sehr anständigen Lebensstandard. Und was ist eine größere Menschenrechtsverletzung als Armut?

Mit der Neuen Seidenstraße will China auch die noch nicht entwickelten Teile seines Binnenlandes entwickeln und den Lebensstandard der ländlichen Bevölkerung anheben. Die Chinesen haben angekündigt, daß sie das BIP von 2010 bis 2020 verdoppeln wollen. Das ist ein bemerkenswertes Ziel, und wenn man betrachtet, was in den letzten 30 Jahren geschehen ist, dann es ist auch glaubwürdig.

 

Für uns im Schiller-Institut ist die Neue Seidenstraße die Verwirklichung einer Vision, die wir vor 25 Jahren zum erstenmal entwickelt haben. Zur Zeit des Mauerfalls schlugen wir vor, die Region zwischen Paris, Berlin und Wien zum sogenannten Produktiven Dreieck zu vereinigen, denn es gab die Mauer nicht mehr. Und als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, erweiterten wir das Produktive Dreieck zur „Eurasischen Landbrücke“ (Abbildung 3). Das war die Idee, die Industrie- und Bevölkerungszentren Europas mit denen in Asien durch sogenannte Infrastruktur-Entwicklungskorridore zu verbinden.

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Abb. 3: Produktives Dreieck, Eurasische Landbrücke (EIR)

Aber es war nicht bloß als ein Wirtschaftsprogramm, sondern ausdrücklich als eine Friedensordnung für das 21. Jahrhundert gedacht. Die Idee der Eurasischen Landbrücke war es, eine höhere Ordnung der Vernunft zu schaffen, in der die historischen Konflikte, die ethnischen Spannungen, die Wunden aus den Kämpfen der Vergangenheit überwunden werden, weil es zum gegenseitigen Vorteil für alle ist, sich an diesem Programm zu beteiligen. Es war wirklich, auch wenn wir es noch nicht so nannten, eine „Win-win-Politik“.

Bekanntlich wurde das damals nicht verwirklicht, und zwar aus den Gründen, die ich gerade genannt habe: das Projekt für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert, der Vorstoß von Bush senior, Margaret Thatcher und Mitterrand zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung, Deutschland zur Aufgabe der D-Mark zugunsten des Euro zu zwingen, und der Maastricht-Vertrag. Bis 1989 war es das „bestgehütete Geheimnis“ der NATO, daß Deutschland ein besetztes Land bleiben sollte, und der Maastricht-Vertrag sollte sicherstellen, daß Deutschland ein besetztes Land blieb, indem man es in die Zwangsjacke des Stabilitätspaktes und der Schuldenbremse steckte. Uns war klar, daß der Euro nicht funktionieren konnte, weil er gar nicht als Wirtschaftsprogramm, sondern als geopolitischer Angriff auf Deutschland konzipiert war.

Im Lauf der Zeit haben wir Hunderte von Konferenzen und Seminaren auf allen fünf Kontinenten veranstaltet, und 1996 wurde dieses Programm bei einer Konferenz in Beijing über die Eurasische Landbrücke faktisch von der chinesischen Regierung als die strategische Perspektive für das Jahr 2010 auf die Tagesordnung gesetzt. Aber das wurde natürlich durch die Asienkrise 1997 und den russischen Staatsbankrott 1998 unterbrochen.

So waren wir hocherfreut, aber nicht wirklich überrascht, als Xi Jinping die Neue Seidenstraße ankündigte.

Etwa zwei Jahre lang wurde die Tatsache, daß ein paralleles Wirtschaftsystem entsteht, von den etablierten Medien völlig ignoriert, oder sie verleumdeten es, indem sie Putin oder Xi Jinping schlechtmachten. Aber in den letzten vier Wochen gab es eine Flut von Artikeln. Time Magazine (Abbildung 4a): „Neue Seidenstraße könnte die globale Wirtschaftsordnung für immer verändern“, „Große Infrastrukturprojekte in der Geschichte – im großen Spiel geht es um die Kontrolle über Eurasien. Es könnte zu einem neuen Kalten Krieg führen. Das Ergebnis ist unsicher.“ Das hier ist Deutschlandfunk (Abbildung 4b).

In den meisten dieser Artikel heißt es nun plötzlich: „Es gibt ein ganz neues System, aber es geht immer noch um Geopolitik.“ Sie verstehen nicht, daß das ausdrücklich ein Weg ist, um die Geopolitik zu überwinden, indem alle auf der ganzen Welt eingeladen sind, sich an dieser neuen Weltordnung zu beteiligen.

Es heißt da auch, China müsse irgendeinen geheimen Plan verfolgen, China wolle die Welt übernehmen, den amerikanischen Imperialismus durch einen chinesischen Imperialismus ersetzen. Es ist offensichtlich, daß es den Journalisten und Politikern der transatlantischen Region extrem schwer fällt, sich vorzustellen, daß es eine Regierung geben kann, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet, weil es [hier] solche Regierungen schon so lange nicht mehr gegeben hat, daß das kaum mehr als eine dunkle Erinnerung ist. Und das erinnert mich an Hegels Wort, der schreibt, eine geschichtliche Persönlichkeit hat einen Kammerdiener, aber dieser Diener, der diesen Helden sozusagen immer in der Unterwäsche sieht, kann sich nicht vorstellen, daß es eine historische Persönlichkeit ist. Das liegt aber nicht an der geschichtlichen Persönlichkeit, sondern daran, daß der Kammerdiener eben ein Kammerdiener ist.

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Abb. 4a, b: In den letzten Wochen gab es plötzlich eine Flut von Berichten über die Veränderung der globalen Ordnung durch Chinas Initiativen der Neuen Seidenstraße, wie etwa in Time Magazine und im Deutschlandfunk.

Konfuzius und Cusa

Der Schlüssel zum Verständnis der wahren Motive Chinas ist Konfuzius.

Zusammen mit Menzius prägt Konfuzius seit 2500 Jahren die chinesische Philosophie, die chinesische Staatsphilosophie. Und in seinem Menschenbild ist der Mensch von Natur aus gut. Die Schlüsselbegriffe in der chinesischen Philosophie sind das „Ren“, das entspricht der Idee der Agape, der Liebe, der Nächstenliebe in der christlichen Tradition, und die Idee des „Li“, das bedeutet soviel wie „Prinzip“, und das ist die Idee, daß man, wenn sich jeder Mensch und alle Dinge in der bestmöglichen Art und Weise entwickeln, die größte Harmonie in der Gesellschaft erhält. Und das entspricht der Idee des Nikolaus von Kues, daß man Konkordanz erhält, wenn sich der Mikrokosmos in der besten Art und Weise entwickelt, oder Leibniz’ Idee der Monade: daß Harmonie entsteht, wenn jeder sein volles Potential entwickelt.

Diese Idee der Harmonie ist ganz zentral für die konfuzianische Philosophie. Sie ist keine ästhetische Beziehung, sondern eine kontrapunktische Entwicklung der gegenseitigen Weiterentwicklung: Wenn sich alle Mikrokosmen optimal entwickeln, dann folgt daraus Harmonie im Makrokosmos.

Es gibt auch die Idee, daß es so etwas gibt wie das „Mandat des Himmels“, daß eine Harmonie zwischen Mensch und Natur bestehen muß. Dies stammt ursprünglich aus der Vorstellung vom „göttlichen Willen“ in der westlichen Zhou-Dynastie (1046-771 v.Chr.), die besagt, daß es eine Harmonie zwischen dem Himmel und dem Menschen geben muß und daß sie eng miteinander verbunden sind.

Diese Idee existiert übrigens in allen großen Religionen und Philosophien: Es gibt die gleiche Vorstellung in der Philosophie der Kosmologie in Indien, die aus der Hindu-Tradition stammt. Es gibt sie in Form des Naturrechts in der europäischen Tradition. Und da müssen wir wirklich als Menschheit hinkommen, um das gegenwärtige Denken zu überwinden.

„Harmonie ohne Uniformität“ ist das, was Konfuzius in seinen Gesprächen beschreibt – „Einheit in der Vielheit“ lautet diese Idee bei Nikolaus von Kues. In seinem Buch der Riten, dem Vorwort zu den Großen Lehren des Konfuzius, die ihm zugeschrieben werden, sagt er:

„Die Alten mußten, in dem Wunsch, daß alle Menschen unter dem Himmel ihre angeborene leuchtende Tugend ungetrübt erhalten, zunächst das Volk gut regieren; in dem Wunsch, das Volk gut zu regieren, sorgten sie zunächst für Harmonie in den Familien; in dem Wunsch, Harmonie in den Familien zu schaffen, kultivierten sie zunächst sich selbst; in dem Wunsch, sich selbst zu kultivieren, mußten sie zunächst ihren Geist auf das Rechte lenken; in dem Wunsch, ihren Geist auf das Rechte zu lenken, erweiterten sie zunächst ihr Wissen bis zum Äußersten. Die Erweiterung des Wissens bis zum Äußersten liegt in dem vollen Verständnis des Prinzips der Dinge.“

Eine Harmonie in der Gesellschaft und zwischen den Völkern zu schaffen, beruht also auf dem Verständnis des Prinzips der Dinge. Das ist die gleiche Idee wie bei Friedrich Schiller in seinen Ästhetischen Briefen, daß nur die Wissenschaftler und die klassischen Künstler die Wahrheit verstehen.

In China regieren, einer Sammlung von 71 seiner Reden, die er 2013 und 2014 gehalten hat, zeigt Xi Jinping diesen konfuzianischen Geist. Er zitiert ein altes chinesisches Sprichwort: „Lernen ist der Bogen, Kompetenz ist der Pfeil.“ Xi sagt dazu (eigene Übersetzung aus dem Englischen): „Man sollte das Lernen als höchste Priorität betrachten, als eine Verantwortung, als eine moralische Stütze und einen Lebensstil. Man sollte eine Überzeugung entwickeln, daß Träume mit dem Lernen beginnen. Das ist es, was Konfuzius meinte, als er sagte: ,Wenn man sich innerhalb eines Tages erneuern kann, soll man es jeden Tag tun.’ Ja, laßt uns jeden Tag uns erneuern. Das Leben begünstigt niemals diejenigen, die den ausgetretenen Pfaden folgen und zufrieden sind mit dem Status quo, und es wartet niemals auf die Anspruchslosen und diejenigen, die tatenlos herumsitzen und die Früchte der Arbeit anderer genießen.“

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Abb. 5: Konfuzius

Das gleiche sagt uns auch Lyndon LaRouche jeden Tag, daß wir heute nicht einfach tun können, was wir schon gestern getan haben, sondern daß wir jeden Tag kreativ und innovativ sein müssen. Xi Jinping zitiert Victor Hugo, der sagte: „Geschaffene Dinge sind unwichtig im Vergleich zu den Dingen, die noch zu schaffen sind.“

China gelang es, über Jahrhunderte, Schritt für Schritt voranzuschreiten, dank der Unermüdlichkeit von Generationen, einer nach der anderen, und dank des nationalen Geistes der ständigen Selbstverbesserung durch harte Arbeit. Die „innovationsbasierte Wirtschaft“ ist das, was China anstrebt, und es realisiert dies bereits, es setzt nicht mehr auf „made in China“, sondern auf „created in China“. Xi Jinping verlangt Durchbrüche in grundlegenden Bereichen der Wissenschaft wie der Struktur der Materie, der Evolution des Universums, dem Ursprung des Lebens und der Natur des Bewußtseins.

Worin liegt dieser neue Weg? Er liegt in der wissenschaftlichen und technischen Innovation, der Beschleunigung des von Innovationen vorangetriebenen Wachstums. China sei stolz darauf, die meisten Wissenschaftler und Ingenieure der Welt zu haben.

Aber am meisten beeindruckt war ich, als ich dieses Zitat Xi Jinpings fand: „Wie ein Frühlingsregen, der lautlos herabrieselt, sollten wir unsere sozialistischen Kernwerte in einer sanften und lebendigen Weise verbreiten, indem wir alle möglichen Formen der Kultur nutzen. Wir sollten die Menschen durch hervorragende literarische Werke und künstlerische Darstellungen informieren: Was ist das Wahre, das Gute und das Schöne? Was ist das Falsche, Üble und Häßliche? Und was sollte gelobt und gefördert werden, und was sollte bekämpft und widerlegt werden?“

Ich wünschte, wir hätten in Europa und den Vereinigten Staaten Politiker, die die Verwirklichung „des Wahren, des Guten und des Schönen“ fordern. Denn die Idee, daß es eine Kohärenz zwischen diesen Dingen – dem Wahren, den Guten und dem Schönen – gibt, das war die Idee der griechischen Klassiker: Daß es eine wißbare Wahrheit gibt, daß der Mensch gut ist, wenn er nach der Wahrheit sucht und, und daß das, was er dann entdeckt, schön ist, und daß der Prozeß der Entdeckung schön ist. Diese Idee des Wahren, Guten, Schönen ist die Essenz der deutschen klassischen Periode, und Friedrich Schiller sagte, die Kunst sei nur dann Kunst, wenn sie schön ist, weil sie sonst die menschliche Seele nicht erhebt.

Nach dieser Definition kann man das meiste, was heutzutage produziert wird, nicht als Kunst bezeichnen, weil es nicht schön ist. Denn die Idee der Schönheit ist eine Idee, die sich von der Vernunft herleitet, und nicht von den Sinneswahrnehmungen. Schiller betont nachdrücklich, daß man Schönheit nicht nach seiner persönlichen Meinung, seinem Geschmack definieren kann, sondern die Schönheit wird durch die ästhetische Erziehung zum Synonym für die glückliche Versöhnung von Vernunft und Sinnlichkeit: Die Schönheit setzt die Dinge in Einklang miteinander.

Für Friedrich Schiller ist das höchste Ideal des Menschen die Schöne Seele, für die Freiheit und Notwendigkeit, Neigung und Pflicht eins sind. Aber auch die Analogie zwischen Schönheit und Freiheit ist ziemlich offensichtlich, weil beide nicht von außen, sondern von innen bestimmt sind. Die größte Idee der Selbstbestimmung ist selbst eine Reflektion gewisser Eigenschaften der Natur, und das bezeichnen wir als „Schönheit“.

Aber Schönheit ist, Schiller zufolge, auch ein notwendiger Zustand der Menschheit. Der Staat ist nur ein Mittel, die Menschheit allein ist das Ziel. Das Ideal des Staates setzt also ein Menschheitsideal voraus, und die Idee der Menschheit beruht auf den Gesetzen der Schönheit.

Schiller schrieb 1789 an seinen Freund Körner: „Was ist das Leben der Menschen, wenn ihr ihm nehmet, was die Kunst ihm gegeben hat? Ein ewiger aufgedeckter Anblick der Zerstörung…, denn wenn man aus unserem Leben herausnimmt, was der Schönheit dient, so bleibt nur das Bedürfnis; und was ist das Bedürfnis anders, als eine Verwahrung vor dem immer drohenden Untergang?“

Damit argumentiert Schiller höchst überzeugend gegen einen Staat, dessen einziger Zweck der Machterhalt ist – was ja der heutige Staat ist! Die Politiker haben kein Interesse an der Schönheit oder der Vervollkommnung der Menschen, sondern nur daran, ihren Job, ihre Position zu behalten. Aber nur wenn die Schönheit zum Lebenszweck der Menschen und der Nationen wird und nicht alles bloß zum Schutz vor dem ständig drohenden Untergang organisiert werden muß, nur dann hat man eine Menschheit.

Sehen wir den Zustand des Westens, insbesondere der Vereinigten Staaten nach dem 11. September (2001), den man ja, wie Sie wissen, vom Standpunkt der schon bald zu veröffentlichenden 28 Seiten betrachten sollte, die aufdecken, wer den Terroranschlag tatsächlich finanziert hat, und der Dokumente des [US-Militärgeheimdienstes] DIA über das, was bei dem Anschlag von Bengasi (2012) tatsächlich geschehen ist: Der Krieg gegen den Terrorismus ist zum Kampf gegen eine Hydra geworden, in dem das Leben ziemlich erbärmlich geworden ist, weil man sich ständig nur noch gegen die Terrorismusgefahr verteidigt.

Deshalb ist das neue Modell der Kooperation der Nationen keine Utopie, sondern eine Zukunftsvision. Und der große Unterschied liegt in dem, was der Denker in der europäischen philosophischen Tradition, der Konfuzius am nächsten kommt, Nikolaus von Kues, als einen epochemachenden neuen philosophischen Ansatz entwickelte, der wirklich das Mittelalter von der Neuzeit trennt: Er sagte, das Prinzip, das Ordnung und Ganzheit hervorbringt, die Idee der Konkordanz, einer universellen Konkordanz im Universum, sei es, daß Harmonie keine ästhetische Frage ist, sondern daß die verschiedenen Mikrokosmen in einer kontrapunktischen Art und Weise sich gegenseitig so weit wie möglich entwickeln müssen, zum Wohl des anderen. Das ist die „Win-win“-Idee, das Prinzip des Westfälischen Friedens.

Warum können einige Menschen diese Vision sehen und an sie glauben, und andere nicht? Das ist ein epistemologisches Problem. Cusa unterscheidet zwischen der Ratio, dem, was Lyndon LaRouche als die „praktischen Menschen“ bezeichnet, und dem Intellekt und der Vernunft. Die Ebene der Ratio, der Verstand, ist die Ebene der aristotelischen Widersprüche dessen, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Der Intellekt, die Vernunft, geht über die Ratio hinaus: Der Intellekt liegt in unserem unzerstörbaren Vorwissen, er ist unser Auge, mit dem wir nach der Wahrheit suchen. Wenn wir ihn nicht hätten, könnten wir diese Suche niemals beginnen, und selbst wenn wir etwas fänden, würden wir nicht wissen, ob es das ist, wonach wir gesucht haben. Der Intellekt ist eine intuitive Einsicht, die es uns erlaubt, die Übereinstimmungen und Vorstellungen der kausalen Ursachen, die Zusammenhänge, zu erkennen.

Es ist eine neue Methode des Denkens, die völlig anders ist als die diskursive Art des Denkens. Der praktische, aristotelische Mann ist Nikolaus von Kues zufolge wie ein Pferd, das an den Futtertrog gebunden ist und nur das frißt, was in den Trog getan wird.

Wenn man sich auf der Ebene des Intellekts befindet, dann muß man sich von den vorherrschenden Meinungen befreien, um offen zu sein für neue Denkweisen. Man muß sich vom Trog losreißen. „Man kann ja sowieso nichts machen“, sagen die meisten Europäer, wenn man mit ihnen darüber spricht. Aber das stimmt nicht! Warum sollte Europa bei einer Politik mitmachen, wie der Stationierung amerikanischer Raketen in Europa, durch die Europa nur zum Ziel seiner eigenen Vernichtung wird? Warum sollten wir uns wieder auf der Grundlage von Lügen in einen Krieg hineinziehen lassen? Lügen wie denen in der Ukrainekrise?

Die Wahrheit muß herauskommen. Es reicht nicht, bloß gegen den Krieg zu sein, vielleicht müssen wir es so machen wie Charles de Gaulle 1966, nämlich, uns von der NATO lossagen. Noch wichtiger: Wir müssen diese existierenden Lösungen umsetzen! Wir müssen mobilisieren wie noch nie zuvor in unserem Leben, damit die europäischen Nationen und die Vereinigten Staaten sich der Weltlandbrücke anschließen und eine Friedensordnung des 21. Jahrhunderts schaffen. Wenn diese sich der Neuen Seidenstraße und der Weltlandbrücke anschließen, geht es nicht nur darum, mit den Entwicklungsländern, etwa in Afrika und Lateinamerika, zu kooperieren und sie zu entwickeln, sondern wir müssen auch die Vereinigten Staaten selbst wieder aufbauen! Wir brauchen ein kontinentales Schnellbahnsystem durch die Vereinigten Staaten, denn die Infrastruktur in den Vereinigten Staaten ist vollkommen verfallen. Wir müssen den Wüsten den Krieg erklären, denn Kalifornien, Texas und die anderen Staaten westlich des Mississippi werden durch die Dürre zerstört.

Wir müssen das tun, was Indiens Premierminister Modi sagte: Wir müssen 100 neue „kluge Städte“ bauen – etwas, was wir schon seit vielen Jahren fordern, die „Cusanusstädte“, aber das würde hier zu weit führen. Wir müssen Südeuropa wiederaufbauen, den Nahen Osten, Afrika: Wir müssen den Hunger überwinden, wir müssen eine Welt schaffen, in der alle Menschen leben können. Wir müssen ein neues Paradigma schaffen, das auf den gemeinsamen Zielen der Menschheit beruht. Wir müssen bewußt die nächste Phase der Evolution der menschlichen Gattung einleiten und eine gemeinsame Erforschung des Weltraums vereinbaren. Alle BRICS-Staaten betreiben Raumfahrt, und Europa und die Vereinigten Staaten müssen ihre Bemühungen verstärken, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir müssen die Sichtweise der Astronauten, Kosmonauten und Taikonauten einnehmen, die im Weltraum waren. Wenn diese aus dem Weltraum den blauen Planeten herabblicken, dann sagen sie immer: „Wir sehen keine Grenzen.“ Und sie erkennen, wie klein unser Planet ist, in einem sehr großen Sonnensystem, und einer noch größeren Galaxis inmitten von Milliarden von Galaxien.

Und wenn wir in hundert Jahren oder tausend Jahren oder auch in hundert Millionen Jahren in der Zukunft noch existieren wollen, dann müssen wir diese Geophysiker widerlegen, die sagen, die Menschheit sei erst „eine Sekunde vor 12“ aufgetreten und werde schon „eine Sekunde nach 12“ wieder verschwinden. Denn die Menschheit ist die einzige bisher bekannte kreative Gattung.

[Der russische Wissenschaftler] Wladimir Wernadskij sagte, die Noosphäre werde immer mehr die Herrschaft über die Biosphäre gewinnen, weil der kreative Prozeß der Menschheit im Universum immer wichtiger werden werde, und darauf müssen wir uns konzentrieren. Denn in der Zukunft der Menschheit wird es die Regel sein, daß die Menschen Genien sind, daß in der Zukunft jeder Mensch ein Genie werden wird. Aber damit es dazu kommt, ist die Schönheit ein notwendiger Zustand der Menschheit.