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Die gegenwärtige Weltkrise: ihre soziale Natur

Andrej Fursow
Historiker vom Institut für wissenschaftliche Information über die Sozialwissenschaften der Russischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied im Isborsk-Klub

Im Wortlaut

Liebe Kollegen, zuallererst möchte ich den Organisatoren dieser Konferenz danken, die mich eingeladen haben, hier zu sprechen.

Ich möchte meine Rede mit einem Zitat des lupenreinen britischen Imperialisten Winston Churchill beginnen, der 1940 in einem Brief schrieb, daß „Großbritannien nicht gegen Hitler und noch nicht einmal gegen den Nationalsozialismus kämpft, sondern gegen den Geist des deutschen Volkes, gegen den Geist Schillers, so daß dieser Geist niemals wiedergeboren werde.“

Aber jetzt sind wir hier auf dieser vom Schiller-Institut organisierten Konferenz, und das ist unsere asymmetrische Antwort auf das Britische Empire. [Applaus].

Ich denke, am Ende unseres letzten Panels sind wir alle müde, so daß ich mich kurz fassen möchte. Krise ist zum Kodewort unserer Zeit geworden. Doch die Frage ist: Welche Art von Krise? Es heißt, es sei eine Finanzkrise, eine Krise des Staates, eine Krise der Bildung – d.h. eine Krise von allem. Aber was heißt das, sich in einer Krise von allem zu befinden? Eine Krise von allem bedeutet eine Systemkrise. Es ist eine Krise des Sozialsystems, und das Sozialsystem ist der Kapitalismus.

Somit haben wir vor allem eine Krise des Kapitalismus, und nur in zweiter Linie eine Krise der Zivilisation, der Menschheit. Doch was ist der Kapitalismus? Descartes pflegte zu sagen: „Man definiere den Sinn der Worte.“ Meine Arbeitsdefinition lautet, daß der Kapitalismus ein kompliziertes institutionelles System ist, welches das Kapital in seinem eigenen langfristigen und holistischen Interesse begrenzt und für seine räumliche Ausbreitung sorgt und so die Krise und die Ausbeutung externalisiert.

Kapitalismus: ein expansives System

Das letzte Element ist wichtig, denn der Kapitalismus ist, wie das Sklavensystem der Antike, ein expansives System. Als sich die globale Profitrate im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus verringerte, hat sich das Kapital gewöhnlich Teile bekannter Kapitalbereiche einverleibt und in kapitalistische Randzonen umgewandelt: Zonen der Rohstoffgewinnung und der Billigarbeit. Doch als 1991 das sozialistische Lager, einschließlich der UdSSR, zerfiel und in Rußland eine Art Gangsterkapitalismus begann, verschwanden die nichtkapitalistischen Zonen. Heute ist der Kapitalismus überall. Er umfaßt den gesamten Globus. Ein vollständiger Sieg.

Aber jeder Erwerb ist ein Verlust, denn jetzt gibt es keine Expansionsmöglichkeit mehr. Die Intensivierung des Kapitalismus steht auf der Tagesordnung.

Das Problem ist, daß der Kapitalismus grundsätzlich ein extensiv aufgebautes System ist. Zahlreiche Institutionen – der Nationalstaat, die Zivilgesellschaft, die Politik und die Breitenbildung – begrenzen die Möglichkeit des Kapitals, den Kern des Systems genauso oder in gleichem Umfang wie in der Peripherie auszubeuten. Die von mir erwähnten Institutionen externalisieren die Ausbeutung, etwa vergleichbar mit Solons Reformen im antiken Athen.

Ich möchte das Ausmaß der Ausbeutung in den sogenannten hochentwickelten Ländern nicht herunterspielen, doch dafür gibt es eine Grenze, oder genauer gesagt, diese Grenze gab es in der Zeit von 1945 bis 1975. Nicht zufällig nannten die Franzosen diese Zeit „die glorreichen 30 Jahre“. Ich sage „gab“, denn seit den 80er Jahren demontieren die vorherrschenden Gruppen der kapitalistischen Klasse diese geschützten Institutionen, deren Summe bzw. deren System den normalen und soliden Kapitalismus oder seine Grundpfeiler bilden.

In den letzten 30 Jahren erleben wir die Auflösung des Nationalstaates, die Verdrängung der Zivilgesellschaft, die Entpolitisierung des politischen Bereichs und die gezielte Primitivisierung und Schwächung der Breitenbildung, besonders auch der Hochschulausbildung. In Amerika fand dies in den 70er und 80er Jahren statt; in Rußland erleben wir dies heute. Aber dank der sozialistischen Fundamente haben jene, die unsere Bildung zu zerstören suchen, nur teilweise Erfolg. Dieser Kahlschlag ist das Wesen der sogenannten neoliberalen Revolution oder vielmehr Gegenrevolution, denn sie läuft der Haupttendenz der 30 Nachkriegsjahre, aber auch der gesamten europäischen Geschichtsperiode seit der Renaissance zuwider.

Bewußter Gegenfortschritt

Es ist nicht nur ein Rückschritt; es ist Gegenfortschritt und zwar bewußter Gegenfortschritt.

Wir leben seit 30 Jahren in der Krise. Und diese Krise, die neoliberale Konterrevolution, ist menschengemacht. Sie ist bzw. war künstlich, denn offenbar scheint die Krise seit Anfang des 21. Jahrhunderts ihren Herren, den Gebietern des Krisenrings, aus den Händen zu gleiten. Das läßt sich indirekt an den Konflikten verschiedener Teile der globalen Elite, an den Aktivitäten ihrer geschlossenen Organisationen und an den Äußerungen hoher Amtsträger erkennen. Es genügt, sich daran zu erinnern, was Christine Lagarde auf dem Treffen von IWF und Weltbank im Oktober in Tokio sagte und was die Kernaussage des Managements von Morgan Stanley in einem Bericht vom Juni letzten Jahres gewesen ist.

Das maßgebliche Dokument der neoliberalen Gegenrevolution war der Bericht „Krise der Demokratie“, der 1975 auf Betreiben der Trilateralen Kommission von Samuel P. Huntington, Brian J. Crozier und Joji Watanuki geschrieben wurde. Das Dokument ist sehr aufschlußreich. Die Autoren schrieben, daß das einzige Heilmittel für die Übel der Demokratie nicht ein Mehr an Demokratie, sondern die Schwächung der Demokratie wäre. In dem Bericht heißt es, daß ein demokratisches politisches System gewöhnlich nur wirksam funktionieren könne, wenn einige Personen und Gruppen ein gewisses Maß an Apathie und Nichtmitwirkung zeigten. Damit waren die Mittelklasse und die Oberschicht der Arbeiterklasse gemeint.

Die demokratische Belebung, so hieß es in dem Bericht, sei eine allgemeine Herausforderung für die bestehenden öffentlichen und privaten Obrigkeitsstrukturen, und die Hauptschlußfolgerung bestand darin, daß der Einfluß der Öffentlichkeit verringert werden müsse. Dieses Dokument war somit in Wirklichkeit eine Reaktion auf den Aufstieg der Mittelschicht und der Arbeiterklasse aufgrund der Industrialisierung in den 30 Nachkriegsjahren.

Entindustrialisierung, Entrationalisierung und Entvölkerung

Die Lösung war ganz einfach: Deindustrialisierung – die Deindustrialisierung des nordamerikanischen Kerngebiets und eine Offensive gegen die Mittelschicht und die Arbeiterklasse. Ausdruck davon waren Thatcherismus und Reaganomics.

Die Deindustrialisierung des Westens, die in den 1980er Jahren begann, war ideologisch seit langer Zeit – seit den 1860er bis 1880er Jahren in Großbritannien – in Vorbereitung. In den 1950er und 1960er Jahren kam noch die Umweltbewegung dazu. Die Umweltbewegung der 60er Jahre wurde von der Rockefeller Foundation organisiert und ebnete der späteren Deindustrialisierung den Weg.

Die gleiche Rolle kam der Jugendkultur und verschiedenen Minderheitsbewegungen und natürlich der Entrationalisierung des Denkens und Verhaltens zu. In den 80er Jahren erlebten wir den Aufstieg irrationaler Kulte, die Verschlechterung der Breitenbildung, und an die Stelle von Science Fiction trat reine Phantasie. Die Harry-Potter-Serie ist ein sehr bezeichnendes Beispiel dafür, wie die Zukunft aussehen soll, ein Abbild der Realität, in der es keine Demokratie mehr, sondern nur noch eine Hierarchie gibt, in der Macht nicht auf rationalen Entscheidungen, sondern auf Magie beruht.

Die neoliberale Gegenrevolution, mit der die Einkommen zugunsten vorherrschender Gruppierungen und zu ungunsten der Mittelschicht und der Arbeiterklasse umverteilt wurden, war Teil eines viel größeren geo-historischen Projekts oder Komplotts, wenn man so will: Des Projekts, die Geschichte anzuhalten. Die Umverteilung der Einkommen und die Entdemokratisierung der Gesellschaft verlangten eine zivilisatorische Kehrtwende, die ich die drei E’s nennen will: Entindustrialisierung, Entrationalisierung und Entvölkerung.

Letztere spielt nicht nur vom wirtschaftlichen Standpunkt oder vom Standpunkt der Ressourcen eine wichtige Rolle. Es ist viel leichter, 2 Mrd. Menschen zu kontrollieren, anstatt 7 oder 8 Mrd. Das Entvölkerungsprojekt wird von den gleichen Strukturen finanziert, die bereits die Umweltbewegung u.a. finanziert haben.

Die neoliberale Gegenrevolution war eine eigenständige Krise, aber sie war als gelenkte Krise gedacht. Doch Anfang des 21. Jahrhunderts scheint der Prozeß, wie ich schon sagte, außer Kontrolle geraten zu sein. Hegel pflegte solche Situationen als Perfidie der Geschichte zu bezeichnen.

Es gibt somit eine doppelte Krise: Eine menschengemachte und geplante, und dann eine neue, chaotische Krise.

Die Schwächen der Sozialwissenschaft

Um mit der Krise umzugehen, braucht man Willen und Vernunft bzw. zuerst Vernunft, um zu verstehen, und zweitens den Willen, um die Vernunft wirksam werden zu lassen. In unserem Fall ist die Vernunft die Sozialwissenschaft, aber das Problem besteht darin, daß die Sozialwissenschaft in ihrem jetzigen Zustand für die Herausforderungen unserer Epoche nicht hinreichend ist. Der Hauptvertreter der Sozialwissenschaft ist der Fachmann, der immer mehr über immer weniger weiß. Und es gibt eine Enttheoretisierung des Wissens. Wissen verkommt immer mehr zu empirischen, statistischen Fallstudien ohne Theorie, ohne wissenschaftliche Vorstellungskraft usw.

Erstens, die fachliche Verflechtung von Ökonomie, Soziologie und Politologie – unser Erbe aus dem 19. Jahrhundert – erfaßt eigentlich nicht die soziale Realität als Ganze, sondern nur Teile davon. Die analytische Grundeinheit der Soziologie ist die Zivilgesellschaft, aber wenn diese schrumpft, heißt das, daß die soziologische Wissenschaft uns immer weniger sagen kann über die Welt, die wir verlassen, und über die Welt, in die wir hineingehen.

Fernand Braudel sagte einmal: „Der Kapitalismus ist der Feind des Marktes.“ Der Kapitalismus schwanke vielmehr zwischen Monopol und Markt, und jetzt sieht man, daß die transnationale Monopolbildung den Markt verdrängt.

Ich möchte Sie an eine Forschungsarbeit von Andy Coghlan und Debora MacKenzie erinnern, die im Oktober 2011 auf der Webseite des New Scientist veröffentlicht wurde. Diese Forschergruppe zeigte, daß 147 Firmen, ein Prozent aller Unternehmen, 40% der Weltwirtschaft kontrollieren. Das ist sehr aufschlußreich, denn es bedeutet, daß die moderne Wirtschaft, deren analytische Grundeinheit der Markt ist, mehr verdeckt als sie zeigt. Die Politik und der Nationalstaat werden immer schwächer, was bedeutet, daß die politische Wissenschaft mit ihren analytischen Grundeinheiten Politik und Staat die realen Machtbeziehungen besonders auf globaler Ebene nicht nur nicht angemessen konzeptionalisieren, sondern noch nicht einmal richtig abbilden kann.

Zweitens gibt es mit der politischen Wissenschaft noch ein weiteres ernstes Problem. Wirkliche Macht ist gewöhnlich eine geheime oder halbgeheime Schattenmacht. Die herkömmliche politische Wissenschaft verfügt weder über die Konzepte noch über die Methoden, um diese Art Macht zu analysieren. Je demokratischer die Fassade der westlichen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert wurde, um so weniger reale Macht hatte sie. Die Macht wanderte in geschlossene Clubs, supranationale Strukturen usw. ab.

Was ich hier sage, ist banal und trivial, aber die politische Wissenschaft in ihrem jetzigen Zustand kann die realen Machtverhältnisse nicht analysieren. Integriert man diese Strukturen als analytische Einheiten in die herkömmliche politische Wissenschaft, wird diese gesprengt.

Eine neue Sozialwissenschaft

Deswegen brauchen wir eine neue Sozialwissenschaft, um die reale Welt zu studieren, und nicht das, was die vermeintliche Fachwelt als real definiert. Eine neue Sozialwissenschaft mit neuen Fachbereichen, neuen Konzepten und einem gesellschaftlichen Rückhalt, mit dem ein neuer Typ von Wissenschaftlern entstehen kann, hat die besten Chancen, das 21. Jahrhundert zu gewinnen oder zumindest die Versuche zu vereiteln, uns von unserem europäischen Erbe abzuschneiden.

Offensichtlich läßt sich eine neue Wissenschaft nur durch neuartige Strukturen schaffen. Welche Organisationen analysieren die heutige Realität? Das sind vor allem wissenschaftliche Organisationen und die Analyseabteilungen der Geheimdienste, aber beide stecken in einer tiefen Krise. Wir erleben heute eine Krise sowohl der wissenschaftlichen Organisationen als auch der Analyseabteilungen der Geheimdienste.

Die Wissenschaft scheint nicht fähig zu sein, große Informationsmengen zu verarbeiten, und fühlt sich unbeholfen, Informationsströme zu analysieren. Die Lücke zwischen Informationsströmen, besonders professionellen Strömen, und dem Durchschnittsniveau eines gewöhnlichen Wissenschaftlers wird größer. Statt Wissenschaftlern haben wir, wie ich schon sagte, Fachleute, die immer mehr über immer weniger wissen. Das Gesamtbild erinnert einen an die Lage der Scholastik am Ende des 15. Jahrhunderts: Die Verengung der Forschung auf Fallstudien und keine universelle Sprache zwischen den verschiedenen Wissensbereichen.

Was die Analyseabteilungen der Geheimdienste angeht, so scheinen sie unfähig zu sein, in einer Welt zu arbeiten, in der fast alle wichtigen Informationen öffentlich zugänglich sind. Dadurch verändert sich ihr gesamtes Geschäft.

Es müssen deshalb grundsätzlich neue Strukturen geschaffen werden. Darin müssen die besten Seiten wissenschaftlicher Strukturen und die geheimer Organisationen miteinander verbunden werden. Letztere müssen die reale und nicht eine imaginäre Welt analysieren, wobei sie auch auf indirekte Hinweise achten müssen.

Die Sozialwissenschaft vernachlässigt gewöhnlich indirekte Hinweise, die jedoch sehr wichtig sind. Wie die Wissenschaft müssen sie sich gleichzeitig auf die Gesetzmäßigkeiten und Regelmäßigkeiten von Massenprozessen konzentrieren. Solche Strukturen dürfen nicht bloß analytische Einheiten, sondern müssen auch organisatorische Waffen im Kampf um die Zukunft sein.

Ich weiß sehr gut, daß es einfacher ist, diese Dinge auszusprechen, als solche Organisationen tatsächlich zu schaffen, aber man muß es versuchen. Vielen Dank.