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Konfuzius im heutigen China

Dr. Cui Hongjian
Direktor der europäischen Studien am Chinesischen Institut für Internationale Studien

Im Wortlaut

Als ich gebeten wurde, diesen Vortrag über Konfuzius im heutigen China zu halten, dachte ich zunächst an eine Art Pause ohne Kaffee, zwischen so vielen schwierigen Fragen zur geopolitischen Krise, zur Finanzkrise etc. Aber jetzt stelle ich fest, daß es fast eine unerfüllbare Aufgabe ist, denn sogar für mich als Chinesen ist es kaum möglich, die Rolle von Konfuzius im heutigen China in wenigen Minuten deutlich zu machen.

Es gibt zwei wesentliche Punkte. Erstens: Wer ist Konfuzius, und was ist Konfuzianismus? Und dann, was ist das Problem im heutigen China?

Ich will es versuchen. Ich denke, Konfuzius ist hier in Europa nur wenig bekannt, im Vergleich zu anderen chinesischen Denkern wie Laotse. Ich glaube, daß die meisten Menschen in Deutschland Laotse Konfuzius vorziehen, weil einige deutsche Philosophen darauf hingewiesen haben, daß Laotses Theorie eher die eines Philosophen ist, insbesondere vom Standpunkt des deutschen Denkens.

Aber ich möchte sagen, daß Konfuzius im Vergleich zu Laotse ein antiker Denker ist, der sich mehr mit Theorie befaßt, mit den Gesetzen für die Menschen. Wie sollen wir leben und arbeiten? Ich denke, es ist sehr, sehr inspirierend für uns heute, für unsere Probleme und Herausforderungen, für die Krise, mit der wie es zu tun haben, daß Konfuzius heute ein sehr, sehr großes Ansehen in der Welt hat. 1988 haben mehr als 35 Nobelpreisträger die Menschheit dazu aufgerufen, mehr von der Weisheit des Konfuzius zu lernen, für das Überleben der Menschheit. Und, wie der amerikanische Philosoph [Ralph Waldo] Emerson sagte, Konfuzius sollte man als eine Glorie für alle Nationen der Welt betrachten.

Ich muß an dieser Stelle einen Satz des deutschen Philosophen [Karl] Jaspers zitieren. In seinem Buch Vom Ursprung und Ziel der Geschichteprägt er den Begriff der Achsenzeit – und damit meint er, daß es eine Zeit gab [800-200 v. Chr.], in der es sowohl im Osten wie im Westen einige weise Männer gab. In China gab es Konfuzius, in Europa Aristoteles und Platon, in Indien Buddha. Konfuzius hat also in China und in der übrigen Welt ein sehr hohes Ansehen.

Einige Chinesen haben das Gesetz des Konfuzius in der Geschichte Chinas so beschrieben, daß die Menschheit im Dunklen tappen müßte, wenn es Konfuzius nicht gegeben hätte. Und auch jetzt gilt Konfuzius als einer der größten Denker, Erzieher, Politiker und Moralisten in China und der Welt. Sein Beitrag legte auch die Grundlage für das politische philosophische, erzieherische und ethische System Chinas.

Konfuzius wurde vor mehr als 2500 Jahren geboren. Natürlich hat sich sein Denken an andere chinesische Denker und auch an gewöhnliche Chinesen vererbt, sodaß wir dieses theoretische System den Konfuzianismus nennen. Unter den Menschen, die zu den Erben des Konfuzius gehören, sind Menzius, Xunzi, und Zhu Xi und andere. In verschiedenen historischen Perioden Chinas entwickelten sie die Theorien des Konfuzius weiter.

Die Säulen des Konfuzianismus

Aus dem sehr umfassenden System seiner Theorien möchte ich nur einige der meiner Meinung nach wesentlichen Punkte herausgreifen.

Der zentrale Wert des Konfuzianismus ist zunächst einmal der Geist des Rationalismus. Was ist die Bedeutung des Rationalismus für Konfuzius? Er glaubte, daß die Evolution der Existenz der Menschheit durch Gesetze gelenkt wird – nicht durch natürliche Gesetze, sondern durch menschliche Gesetze. Und zweitens glaubte er, daß jeder, alle Menschen, dazu erzogen werden sollten, Gentlemen zu sein – aber man kann sich natürlich auch die britische Königin als Vorbild wählen.

Und zweitens hatte er sehr offensichtlich eine dialektische Methode. Er glaubte, daß es einen Übergang oder eine Konversion gibt zwischen gut und schlecht, zwischen Gewinn und Verlust, sodaß der vielleicht größte Schatz des Lebens, für die Menschheit, in der Balance liegt. Wir müssen deutlich machen, was die beiden Extreme sind – beispielsweise, was ist links und was rechts? Was ist das Beste, und was ist das Schlimmste? Und dann müssen wir den Mittelweg einschlagen.

Das dritte ist sein pragmatischer Aktivismus. Wenn wir über das Verhalten des chinesischen Volkes reden, dann ist, denke ich, pragmatisch eines der nützlichsten Worte, um es zu beschreiben. Das liegt sicherlich am sehr tief verwurzelten Einfluß des Konfuzianismus. Wie wir wissen, hat Konfuzius keine Bücher, Artikel oder Papiere geschrieben. Wir kennen sein Denken nur durch Notizen, die von seinen Schülern hinterlassen wurden. Und in seinem ganzen Leben tat er nur eines: Er reiste durch verschiedene Länder. Damals war China noch kein geeintes Land wie heute. Es gab viele kleine Länder, wie im heutigen Europa. Um sein politisches Ideal zu propagieren, reisten Konfuzius und seine Schüler in verschiedene Länder, um seine Theorien zu verbreiten und um die Könige dazu zu bewegen, etwas Besseres für ihre Völker zu tun. Aber am Ende ist er gescheitert. Fast niemand verstand und akzeptierte das, was er dachte und das, was er tat.

Schließlich ist da, meiner Meinung nach das wichtigste Charakteristikum der Ideen des Konfuzius, der Humanismus. Es gibt äußerst bemerkenswerte Worte des Konfuzius: Ob ein Gesetz oder eine Theorie nützlich ist oder nicht, hängt davon ab, ob es nützlich ist für die Menschen. Ansonsten ist es Unsinn. Ich denke, das ist eine bemerkenswerte Reflektion des Humanismus im Konfuzianismus.

Konfuzius bat die Politiker oder Könige seiner Zeit, eine Art des Ren zu praktizieren, was soviel heißt wie eine wohlmeinende Regierungsführung. Da es ein chinesisches Wort ist, ist es schwierig, das ins Englische oder andere Sprachen zu übersetzen, aber man findet eine sehr umfassende Erklärung für dieses Wort in der englischen Sprache: Es bedeutet, eine wohlmeinende Politik, aber es bedeutet auch Humanität. Da es kein sehr klares Konzept war, fragten ihn seine Schüler immer wieder nach der Bedeutung dieses Wortes. Schließlich sagte Konfuzius: „Was ist das Reneigentlich? Was ist Benevolenz? Es ist, jemanden zu lieben.“ Wir finden hier also eine Ähnlichkeit zwischen Konfuzius und den Christen.

Der Konfuzianismus und der Westen

Nach 2500 Jahren müssen wir uns Sorgen machen um das Schicksal des Konfuzianismus in China. Ich denke, daß es in dem, was wir die Zeit des modernen China nennen, eine Art Konflikt zwischen dem Konfuzianismus und anderen Theorien oder Gesetzen gibt.

Im 18. Jahrhundert, vor allem, als die europäischen Länder nach Asien expandierten – das bezeichne ich als die erste Begegnung zwischen dem Konfuzianismus und dem Kapitalismus aus Europa. Denn China wurde von den europäischen Ländern besiegt und wurde Teil des Kolonialsystems der europäischen Länder. Damals fühlten sich die chinesischen Intellektuellen immer mehr enttäuscht vom Konfuzianismus, denn sie dachten, so gut er auch sei, er habe dem chinesischen Volk nicht geholfen, dem Schicksal zu entgehen, auf diese Weise erobert zu werden.

Dann kam das, was in den 1960er und 1970er Jahren geschah – die Kulturrevolution. Es war das Ziel dieser Revolution, wie man damals sagte, „den Konfuzianismus zu zerbrechen“. Das war eine weitere Tragödie für den Konfuzianismus in Cina.

Die dritte Periode kam nachdem sich China „öffnete“ und die Reformpolitik einleitete. Wir nannten das eine „Modernisierungs-Periode“, als die Marktwirtschaft in China eingeführt wurde. Die traditionelle Geisteshaltung, der traditionelle Lebensstil des chinesischen Volkes wurden durch diese völlig andere Lebens- und Denkweise in Frage gestellt. Diese Herausforderungen für China bestehen weiter.

Das ist der Grund, warum wir heute über den Konfuzianismus und über Konfuzius reden. Offen gesagt, aufgrund der sehr schnellen wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 30 Jahre steht China vor einigen gewaltigen Problemen, einigen großen Herausforderungen. Wir müssen den Preis für dieses sehr schnelle Wirtschaftswachstum bezahlen.

Das Problem ist jetzt, daß die traditionellen sozialen Strukturen von einigen politischen Bewegungen zerbrochen wurden, und daß das Wirtschaftswachstum zu schnell war. Die Menschen fühlten sich von all dem beunruhigt, und infolgedessen mußte das traditionelle moralische System in China umgebaut werden.

Das Schlechte in der heutigen Gesellschaft Chinas ist, daß die meisten Menschen nur dafür leben, so schnell wie möglich Geld zu verdienen. Ich fühlte mich etwas beschämt als Chinese, als ich vor einigen Tagen hörte, daß China die Vereinigten Staaten überholt hat und jetzt der weltweit größte Importeur von Luxusgütern geworden ist! Gut, die Chinesen werden reicher und reicher. Aber das Problem ist, daß dies nur für wenige gilt. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen ist China immer noch ein armes Land. Es kann nicht akzeptabel sein, daß in einem armen Land so wenige Menschen eine so große Kaufkraft haben.

Ich denke, daß das ganze Problem darin liegt, daß die Regierung einige Gelegenheiten versäumt hat, die wirtschaftlichen Gesetze und die soziale Gerechtigkeit ins Gleichgewicht zu bringen. Mit der Möglichkeit der Verbesserung der Produktion und der Infrastruktur wurden die politischen Entscheidungsträger meistens von der wirtschaftlichen Blase getrieben, beispielsweise der Immobilienblase. China muß jetzt also den Preis für diese Fehler bezahlen. China muß sein Wirtschaftsmodell anpassen und sein Wirtschaftswachstum bremsen.

Ich denke, dies ist, vor allem aufgrund der Wirkung der amerikanischen Krise und der europäischen Krise, die letzte Chance für die chinesische Regierung und für das chinesische Volk, über die Gewinne und die Verluste der letzten 30 Jahre nachzudenken. Die Regierung muß mehr tun, mit neuen Ideen, um ein neues Entwicklungsmodell zu entwickeln.

Die Ziele der Regierung sind klar genug. Sie wollen die Industrien verbessern und mehr in die reale Wirtschaft investieren, nicht in die Finanz- oder Immobileinmärkte. Und sie versuchen, dem Denken von Herrn LaRouche zu folgen und die nationale Wirtschaft zu entwickeln und sich nicht von den ausländischen Aktienmärkten treiben zu lassen. Vor einigen Tagen hörte ich, daß die chinesischen Devisenreserven auf 3,53 Billionen US-Dollar angewachsen sind – das ist fast genau soviel wie das deutsche BIP! Ich denke nicht, daß das eine gute Nachricht ist. Ich glaube, daß es einen starken Druck auf die chinesische Regierung gibt, das Gleichgewicht zu halten, denn jetzt gibt es immer mehr Beschwerden von Seiten der einfachen Chinesen: Wie kann man soviel Geld an die Wall Street oder an andere spekulative Märkte geben? Warum gibt man es nicht den chinesischen Menschen? Denn sie ist ja die chinesische Regierung!

Wir sollten zurück zu der Denkweise, dem Lebensstil des Konfuzius und des Konfuzianismus. Auch nach 2500 Jahren, denke ich, sind alle diese Theorien, diese Gedanken immer noch sehr nützlich, sehr instruktiv für das chinesische Volk – und vielleicht nicht nur für die Chinesen, sondern auch für die Menschen in anderen Ländern. Denn der Konfuzianismus bedeutet, daß wir für Jeden, für jeden Teil der Gesellschaft, für jede Organisation innerhalb einer Gesellschaft deutlich machen müssen, was unsere Mission ist, unsere Position und unsere gemeinsamen Bemühungen für das gleiche Ziel.

Ich glaube daher, daß wir, insbesondere die chinesische Gesellschaft, einen neuen Konsens zwischen der Regierung, der Bevölkerung und den Unternehmern herbeiführen müssen, und zwischen China und einigen anderen Teilen der Welt.

Ich glaube, daß der Konfuzianismus in der Zukunft vielleicht Schiller und Goethe begegnen wird, denn ich denke, daß der Konfuzianismus in China vielleicht als das klassische Gesicht der chinesischen Kultur betrachtet werden sollte.

Ich stelle mir vor, daß wir, wenn wir erst einmal mehr Austausch zwischen China und Europa haben, insbesondere kulturellen Austausch, uns auch gegenseitig besser verstehen können. Vielleicht können wir dann voneinander mehr und mehr Lösungen für unsere eigenen Probleme erfahren. Ich denke, das sind gute Aussichten; aber wir müssen jetzt auch anfangen, es zu tun!

Vor einigen Tagen nahm ich an einer Konferenz in Brüssel teil, die stattfand zwischen einer Delegation von NGOs aus China und dem Wirtschafts- und Sozialausschuß der Europäischen Union. Wir sprachen da über die Idee eines kulturellen Austausches. Und wir erkannten einige Prinzipien an: Wir müssen die Diversität und die Unterschiede untereinander erkennen, bevor wir anfangen können, mehr Gemeinsamkeiten zu finden. Es ist mein Wunsch – und ich hoffe, daß das auch Ihr Wunsch ist -, daß wir versuchen können, mehr zu tun, für die letzte Chance der Menschheit

LaRouche – ein konfuzianischer Mentor

Schließlich möchte ich als chinesischer Gelehrter noch Herrn und Frau LaRouche meinen Tribut zollen. Ich weiß, daß die Beziehungen zwischen Herrn und Frau LaRouche und China schon 20 Jahre zurückreichen, als ein sehr bekanntes chinesisches Journal einen Artikel von Herrn LaRouche publizierte. In diesem Artikel sagte Herr LaRouche voraus, daß China damals noch etwas mehr tun müsse, sonst werde der Reichtum Chinas aus den ländlichen Regionen des Binnenlandes in die Küstengebiete und von dort in andere Länder exportiert werden. Und Herr LaRouche erinnerte uns auch daran, daß im damaligen China ein sehr schlechtes Denken vorherrschte – daß man nämlich so schnell wie möglich Geld verdienen müsse. Er sagte, das wäre gefährlich für das moralische System Chinas und gefährlich und schädlich für jene Leute, jene Eliten, die darüber entscheiden können, welche Richtung für China, als ein großes Land, die geeignete sei. Herr LaRouche hat damals vorgeschlagen, daß China zu einem klassischen, nationalen Wirtschaftsprinzip zurückkehren müsse, weil das die Grundlage für den Aufstieg aller großen Mächte des Westens gewesen sei.

Und vor zehn Jahren hat einer meiner Freunde, Herr Ding, ein Interview mit Herrn LaRouche geführt, und er sagte mir, daß er Herrn LaRouche sehr, sehr bewundere, weil dieser fast eine Legende sei; er sei jemand, der in einem westlichen Land lebt, aber trotzdem diese Art der Entschlossenheit habe und die westliche Zivilisation umgestalten wolle.

Die Zeit flieht, auch für das chinesische Volk. Wir haben immer jene Menschen respektiert, die glauben, daß sie ihr Leben um eines Zieles willen führen, als Konfuzianer. Erlauben Sie mir also, Herrn LaRouche einen konfuzianischen Mentor zu nennen.

Vielen Dank.