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Ihre Exzellenz Dr. Bouthaina Shaaban: Wiederaufbau nach syrischer Art — Eine wahrhaft vielfältige und sicherere Welt schaffen, die aus den syrischen Erfahrungen die Lehren zieht

Bouthaina Shaaban

Präsidentschaft der Syrischen Arabischen Republik


 

Wiederaufbau nach syrischer Art — Eine wahrhaft vielfältige und sicherere Welt schaffen, die aus den syrischen Erfahrungen die Lehren zieht

Erlauben Sie mir, mich zunächst einmal beim Schiller-Institut und insbesondere bei Frau Helga Zepp-LaRouche dafür zu bedanken, daß sie mich eingeladen hat, bei dieser wichtigen Konferenz über den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft für die Menschheit zu sprechen. Aber bevor ich zu meinem Vortrag komme, möchte ich zunächst einige Bemerkungen machen, die mich zu dem Schluß führen, zu dem ich diese Vortragsrunde und diese Konferenz insgesamt gerne bringen möchte.

Eines der großen Probleme, vor dem wir heute in unserem Land stehen, ist, daß die westlichen Länder heute an uns mit einem Gefühl der Besonderheit oder einem Gefühl der Selbstgerechtigkeit herantreten – daß alles, was die westliche Welt für angemessen oder gut hält, auch fraglos für unsere Länder zu gelten habe.

Das erste, was die westlichen Länder taten, als der Krieg gegen Syrien begann, war, ihre Botschafter aus Damaskus abzuziehen. Aber ist es nicht die Aufgabe eines Botschafters, über das zu berichten, was tatsächlich in seinem jeweiligen Land geschieht, und Kommunikationswege zwischen den Ländern öffnen zu helfen, anstatt sie zu schließen?

Dies bringt mich auf die Rolle der privaten Medien im Krieg gegen Syrien. Leider verlassen sich die meisten westlichen Medien auf die Sender Al-Dschasira (von Katar finanziert) und Al-Arabija (von den Saudis finanziert), um über die Ereignisse in Syrien zu berichten – obwohl beide Sender, Al-Dschasira wie Al-Arabija, ihre Korrespondenten mit dem Beginn des Krieges abgezogen haben und sich auf angebliche „Augenzeugen“ verlassen, die überall auf der Welt sein können. Das gilt auch für das sogenannte „Syrische Observatorium für Menschenrechte“, das von einem Mann in Coventry in Großbritannien geleitet wird, Rami Abdul Rahman.

Diese Medien zogen es vor, sich auf Fragen zu konzentrieren, die einer bestimmten Agenda dienen, während sie die Realität vor Ort ignorieren. So wurden beispielsweise die jüngsten Terroranschläge in Tartus und Jableh, die mehr als 200 unschuldigen Zivilisten das Leben kosteten, von den westlichen Medien kaum erwähnt, und sie weckten daher nur wenig Sympathie.

Damit möchte ich sagen, daß die Falschdarstellungen über Syrien, die verbreitet werden, ebenso gefährlich für das syrische Volk und die Sicherheit der Syrer sind wie die Taten der Terroristen, weil sie die Realität in Syrien vor dem Verständnis der Öffentlichkeit im Westen und der Welt insgesamt verschleiern und verhindern, daß die westlichen Länder und das syrische Volk sich über das Geschehen verständigen können.

Terrorismus und Demokratie

Aber bevor wir anfangen können, über den Wiederaufbau Syriens zu sprechen, stehen wir immer noch vor der gewaltigen Herausforderung, den Terrorismus in Syrien, im Irak und in der Region auszumerzen. Wir müssen diesen Terrorismus ausmerzen. Und wenn ich sage, „wir“, dann meine ich nicht nur die Syrer und die Iraker, sondern die ganze Menschheit, denn wie die jüngsten Ereignisse in Paris, Brüssel, Orlando und zuletzt auch in Großbritannien gezeigt haben, können diese Terroristen überall auf der Welt zuschlagen, es ist ein Krebs, der sich überallhin auf der Erde verbreiten kann. Aber tun die Welt und insbesondere die westlichen Mächte alles, was man tun kann, um diese existentielle Bedrohung für die Menschheit zu beseitigen? Diese Frage möchte ich gerne stellen.

Wenn man einmal von dem absieht, was in den Medien verbreitet wird, und sich anstatt der Worte die Taten und Leistungen ansieht, dann sieht man, daß die westlichen Länder im Falle Syriens nicht das tun, was notwendig wäre, um diese Bedrohung für Syrien wie für die Welt zu beseitigen. Ich möchte gerne ein Beispiel dafür anführen:

Am 17. Dezember 2015 beschloß der UN-Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 2253 nach Kapitel 7 [der UN-Charta], die das Einstellen der Finanzierung, Bewaffnung und Förderung von Terroristen in Syrien vorschreibt. Die Wiener Gruppe interpretierte diese Resolution anschließend so, daß sie eine Schließung der türkischen Grenze verlangt, damit keine Waffen und Geld darüber zu den Terroristen gelangen. Am 18. Dezember 2015 beschloß der UN-Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 2254, die eine politische Lösung in Syrien fordert.

Jetzt erlebt man, wie sich die gesamte Menschheit auf die Resolution 2254 konzentriert – ohne sich mit der Resolution 2253 zu befassen, die eine logische Voraussetzung für die Resolution 2254 ist, nämlich, eine politische Lösung für Syrien zu finden.

Das gleiche läßt sich über die humanitäre Hilfe sagen. Anstatt sich auf die Beendigung des Krieges in Syrien und die Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit in Syrien zu konzentrieren, erlebt man, wie sämtliche Medienkonzerne nur über die humanitäre Hilfe sprechen. Als wäre das die Frage! Syrien war vor diesem Krieg in der Lage, 2 Millionen Iraker aufzunehmen, sich selbst zu ernähren und noch Nahrungsmittel in 84 andere Länder der Welt zu exportieren. 1970 schufen die Syrer das Motto: „Wir essen, was wir anbauen, und wir tragen, was wir selbst herstellen.“ Das bedeutet, daß Syrien keine humanitäre Hilfe braucht, wenn es Frieden und Stabilität gibt und das syrische Volk in der Lage ist, seine Felder zu bestellen und in seinen Fabriken zu arbeiten.

Heute hören wir vom westlichen Bündnis viel Gerede darüber, ISIS „einzudämmen“, ISIS „einzuschränken“, und kürzlich haben Sie alle die Rede des CIA-Direktors John Brennan gehört, der sagte, es sei uns nicht einmal gelungen, den Einfluß von ISIS zu begrenzen. Warum ist das so? Weil gar keine wirkliche Neigung und kein wirklicher Wunsch besteht, ISIS loszuwerden.

Es gab zwei Elemente: Die russische Regierung hat die westlichen Länder aufgefordert, die Bemühungen zu bündeln, um ISIS in Syrien und im Irak zu besiegen, und in Wien hat man sich darauf geeinigt, daß die türkische Grenze geschlossen werden soll. Aber keines dieser beiden Elemente fand eine positive Antwort der Vereinigten Staaten oder der westlichen Mächte. Die Frage ist: warum nicht, wenn wirklich der Wille besteht, ISIS zu bekämpfen?

Die andere Frage ist, daß wir in Syrien das Gefühl haben, daß die internationale Gemeinschaft wirklich den Willen haben muß, den Terrorismus zu bekämpfen und wirkliche Brücken zu

bauen. Wenn ich sage, wirkliche Brücken, dann meine ich: auf gleichberechtigter Basis, auf der Basis von Gleichrangigkeit. Das Problem bei der Förderung von „Demokratie“ – in Anführungszeichen! – in unserem Teil der Welt ist, daß die westlichen Länder meinen, die liberale Demokratie sei die einzige Frage oder das einzige Vorbild, die einzige Formel, die auf unsere Länder anzuwenden sei.

Aber das stimmt nicht, denn wir haben alle verschiedene Kulturen. Wir haben verschiedene Selbstverständnisse, verschiedene Gewohnheiten, verschiedene Lebensstile. Ich kann Ihnen ein Beispiel anführen: China, Indien, die persische Kultur, die arabische Kultur haben eine Menge zur Welt beigetragen – aber auf einer menschlichen Basis, auf der Grundlage von Gleichrangigkeit. Ich möchte hier auf einen wichtigen Punkt hinweisen: Die westliche Welt glaubt an die Öffnung der Märkte auf der ganzen Welt – aber nur für den Export ihrer eigenen Waren! Und nicht, um anderen Ländern den Export in den Westen auf einer gleichberechtigten Basis zu erlauben. Und jeden Tag erfinden sie neue Formeln – Zolltarife und andere Beschränkungen -, um keine gleiche Behandlung zuzulassen.

Die intellektuelle Seidenstraße

Das gleiche gilt für die Politik. Die Konzepte, Werte und Ideen, die aus dem Westen kommen, sollen in unseren Ländern respektiert und umgesetzt werden, aber es gibt keine Straße, die unsere Kultur, unsere Werte und unsere Ethik in den Westen bringt. Wenn wir eine Welt für alle schaffen müssen, wenn wir eine friedliche Welt schaffen müssen, wenn wir eine prosperierende Welt für alle schaffen müssen, dann müssen wir eine konzeptionelle, intellektuelle Vorstellung einer Welt schaffen, wir müssen eine konzeptionelle Vorstellung einer Seidenstraße schaffen. Nicht nur die eigentliche Seidenstraße, sondern auch eine intellektuelle Seidenstraße. Sie alle wissen, daß Aleppo und Syrien in der alten Seidenstraße, die Asien mit Europa verband, eine extrem wichtige Rolle hatten. Syrien und das syrische Volk werden überglücklich sein, sich sehr aktiv an einer Neuen Seidenstraße und auch an einer politischen, sozialen, intellektuellen Seidenstraße zu beteiligen, die Asien mit Europa, Eurasien mit dem Westen verbindet.

Das andere Nebenprodukt dieses Krieges gegen unsere Länder und das andere Nebenprodukt der alleinigen Verbreitung der Besonderheit des Westens in unseren Ländern ist die Verdrehung des Bildes des Islam in den Augen des Westens. Der Islam ist, wie alle anderen Religionen, eine Religion der Liebe, eine Religion der Menschlichkeit. Wir als Muslime werden im Koran nur selten als Muslime angesprochen, er wendet sich an alle Menschen. Wir sind Teil der menschlichen Gemeinschaft. Und deshalb sind diejenigen, die im Namen des Islam töten, die im Namen des Islam zerstören, überhaupt keine Muslime. Sie haben nichts mit dem Islam zu tun.

Wir müssen uns mit dem Konzept, das die Terroristen verbreiten, auseinandersetzen und mit dem Mangel an Dialog, den die Medienkonzerne verursacht haben, wenn wir eine, nicht nur physisch, sondern auch intellektuell, sozial und politisch wirklich florierende Seidenstraße wollen.

Und zum Schluß will ich hier Rußland und China danken, die gleich vom Beginn des Krieges gegen Syrien an viermal Veto gegen die westlichen Versuche eingelegt haben, Syrien militärisch anzugreifen. Rußland und China und der Iran unterstützen auch weiterhin das syrische Volk und versuchen, eine politische Lösung zu finden.

Um diese Seidenstraßen zu bauen – das möchte ich noch kurz sagen -, müssen wir miteinander auf gleichberechtigter Grundlage umgehen, auf einer gleichrangigen menschlichen Basis. Denn wenn man andere als höherwertig oder minderwertig behandelt, als weiß oder schwarz, als wichtig oder weniger wichtig, dann erzeugt das Extremismus, es erzeugt Rassismus, der dann nicht nur in Syrien zuschlägt, sondern auch in Brüssel, in Paris, in Orlando und zuletzt auch in Großbritannien. Es ist daher im Interesse der Menschheit, als Menschen zu denken,

die Welt als ein wahrhaftiges menschliches Dorf zu betrachten, in dem die Menschen gleichberechtigt leben und sich gegenseitig respektieren und auf der Grundlage von Gleichrangigkeit handeln.

Aber das erfordert eine gewaltige Änderung der Geisteshaltung des Westens, es erfordert vermutlich eine weitere Konferenz, um nicht nur über die sehr wichtige, von China aufgebrachte Idee zu sprechen, eine Seidenstraße zu bauen, sondern um über die intellektuelle, soziale und politische Seidenstraße zu sprechen, die uns alle als Menschen, als Brüdern und Schwestern und nicht als höherwertig oder minderwertig betrachtet und behandelt. So können wir eine bessere Welt aufbauen – eine viel bessere Welt, als die, in der wir heute leben. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Enkeln, wo immer sie geboren werden, ihnen eine bessere Welt zu hinterlassen als die, in der wir jetzt leben.

Vielen Dank.