{"id":79043,"date":"2021-09-06T05:10:58","date_gmt":"2021-09-06T09:10:58","guid":{"rendered":"https:\/\/schillerinstitute.com\/?p=79043"},"modified":"2021-09-27T17:00:30","modified_gmt":"2021-09-27T21:00:30","slug":"artikel-von-helga-zepp-larouche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2021\/09\/06\/artikel-von-helga-zepp-larouche\/","title":{"rendered":"Artikel von Helga Zepp-LaRouche:"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\" id=\"block-4a218fc6-523f-4cf9-9e62-b0454812674a\">Ist der \u201eWesten\u201c lernf\u00e4hig?<br>Was Afghanistan jetzt braucht!<\/h1>\n\n\n\n<p>Das katastrophale Scheitern der Nato in Afghanistan und damit der Politik von 20 Jahren Interventionskriegen k\u00f6nnte nicht dramatischer sein. Nicht nur, da\u00df der Krieg verloren wurde, es ist paradigmatisch f\u00fcr das ganze Spektrum von Fehlannahmen des liberalen Systems des Westens. Es ist daher zu begr\u00fc\u00dfen, wenn Pr\u00e4sident Biden verk\u00fcndet, der Abzug aus Afghanistan bedeute das Ende der ganzen \u00c4ra des Einsatzes amerikanischer Milit\u00e4rmacht mit dem Zweck der \u201eNeugestaltung\u201c anderer L\u00e4nder. Aber wenn diese Umorientierung nur bedeutet, sich nicht l\u00e4nger mit den \u201eendlosen Kriegen\u201c in Nebenpl\u00e4tzen aufzuhalten, um alle Kr\u00e4fte auf die \u201eneuen Herausforderungen\u201c, n\u00e4mlich die Konfrontation mit Ru\u00dfland und China konzentrieren zu k\u00f6nnen, dann w\u00e4re die Lektion aus diesem besch\u00e4menden Desaster nicht gelernt und der Weg in eine noch viel endg\u00fcltigere Katastrophe beschritten. Aber noch ist die Wunde frisch, noch hat der Schock der Niederlage die ganze westliche Welt aufger\u00fcttelt, und die Chance f\u00fcr eine v\u00f6llig neue Herangehensweise existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Projekt der Brown University zur Erhebung der Kosten f\u00fcr die US-Kriege seit dem 11. September 2001, der sich jetzt zum 20. Mal j\u00e4hrt, hat berechnet, da\u00df die Gesamtkosten f\u00fcr die Milit\u00e4roperationen in Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen, Somalia, Pakistan etc. 8 Billionen Dollar betragen und da\u00df mindestens eine Million Menschen das Leben verloren haben. Davon waren 2,3 Billionen Dollar f\u00fcr den Afghanistan-Krieg, 2,1 Billionen f\u00fcr die Kriegszone Irak\/Syrien, 355 Milliarden f\u00fcr Milit\u00e4roperationen in Libyen, Somalia etc., 1,1 Billionen f\u00fcr Programme der Homeland Security und 2,2 Billionen f\u00fcr die anstehende Versorgung der US-Veteranen, die in diesen Kriegen zum Einsatz kamen, von denen eine gro\u00dfe Zahl an physischen und psychischen Folgeerkrankungen leiden. Mindestens 15.000 US-Soldaten und etwa ebenso viele internationale Nato-Truppen wurden get\u00f6tet. Rund 70 Millionen Menschen sind Fl\u00fcchtlinge dieser Kriege. Hunderttausende Soldaten waren im Einsatz, eine unbekannte Anzahl von Zivilisten kam ums Leben, ein Gro\u00dfteil der Truppen war wesentlich damit besch\u00e4ftigt, sich selber in einer feindlichen Umgebung zu sch\u00fctzen, von deren Menschen und ihrer Kultur sie am Anfang dieser 20 Jahre ebenso wenig Ahnung hatten wie an deren Ende, wie allersp\u00e4testens aus den 2019 ver\u00f6ffentlichten <em>Afghanistan Papers<\/em> selbst f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bekannt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die humanit\u00e4re Situation in Afghanistan ist entsetzlich. Wie der Direktor des Weltern\u00e4hrungsprogramms (WFP) David Beasley, der Afghanistan in der letzten Augustwoche besuchte, bekanntgab, hungern 18 Millionen Afghanen &#8211; mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung \u2013, und vier Millionen droht im kommenden Winter ohne massive Hilfe der Hungertod. Die WHO bef\u00fcrchtet angesichts eines kaum vorhandenen Gesundheitssystems in der Covid-Pandemie und bisher nur etwa einer Million geimpfter Menschen eine medizinische Katastrophe. K\u00f6nnen sich die Menschen im Westen auch nur ann\u00e4hernd vorstellen, welche Leiden die afghanische Bev\u00f6lkerung in den vergangenen 40 Jahren Krieg bis zum heutigen Zeitpunkt durchmachen mu\u00dfte und immer noch mu\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts dieser das Vorstellungsverm\u00f6gen beinahe \u00fcbersteigenden Trag\u00f6die ist es geradezu absurd und bewu\u00dft irref\u00fchrend, da\u00df im Kontext der \u201eendlosen Kriege\u201c immer noch von \u201eNation Building\u201c gesprochen wird. Was wurde in Afghanistan aufgebaut, wenn die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung hungert? H\u00e4tten die USA und die anderen Nato-Mitglieder auch nur 5 Prozent ihrer Milit\u00e4rausgaben in den wirklichen wirtschaftlichen Aufbau Afghanistans investiert, w\u00e4re es nie zu diesem horrenden Debakel gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher ist nicht erkennbar, da\u00df in den USA oder Europa ein wirkliches Umdenken stattfindet. Denn dies w\u00fcrde nicht nur bedeuten, da\u00df man gewillt ist, \u201emit den Taliban zu reden\u201c, sondern da\u00df man die gesamte Pr\u00e4misse der Politik der letzten 20 Jahre korrigiert. Wenn Biden es ernst damit meint, da\u00df die ganze \u00c4ra der Interventionskriege beendet werden soll, dann m\u00fcssen die US-Truppen endlich der Abstimmung des irakischen Parlaments nachkommen, das bereits im Januar 2020 deren Abzug verlangt hat. Dann m\u00fcssen umgehend die m\u00f6rderischen Caesar-Act-Sanktionen der USA gegen Syrien beendet werden, die bis heute dazu beitragen, \u00fcber 90 Prozent der Bev\u00f6lkerung in einen Lebensstandard unterhalb der Armutsgrenze zu knebeln, und es m\u00fc\u00dften \u00fcberhaupt Sanktionen gegen alle L\u00e4nder zu Zeiten der Pandemie beendet werden, die kein UN-Mandat haben, weil sie nur die \u00e4rmsten Teile der Bev\u00f6lkerung treffen und oftmals umbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die USA und die europ\u00e4ischen Nationen jetzt tun m\u00fcssen, wenn sie je wieder Glaubw\u00fcrdigkeit \u00fcber \u201eWerte\u201c und \u201eMenschenrechte\u201c erlangen wollen, dann m\u00fcssen sie der sich gerade bildenden afghanischen Regierung wirkliche Hilfe anbieten, indem sie z.B. ein modernes Gesundheitssystem aufbauen. Eines der Dinge, die jetzt dringend gebraucht werden, ist ein ganzes System von modern ausgestatteten Krankenh\u00e4usern, in Verbindung mit einem System f\u00fcr die Ausbildung von \u00c4rzten, medizinischem Fachpersonal und einem Trainingsprogramm f\u00fcr junge Menschen, die helfen k\u00f6nnen, auch in allen l\u00e4ndlichen Gebieten die Bev\u00f6lkerung mit den in einer Pandemie n\u00f6tigen Hygienema\u00dfnahmen vertraut zu machen. Ein solches System k\u00f6nnte mit der Hilfe von Partnerschaften mit medizinischen Zentren in den USA und Europa verbunden werden, wie es punktuell bereits mit anderen L\u00e4ndern des Entwicklungssektors existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Hungersnot w\u00e4re neben der Luftbr\u00fccke, die David Beasley vom WFP von Pakistan aus einrichtet und die Nahrungsmittel nach Afghanistan bringen kann, ein umfassendes Angebot f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Landwirtschaft dringend. Wenn verhindert werden soll, da\u00df die Bauern aus reiner Not auf den Anbau von Mohnpflanzen f\u00fcr die Produktion von Opium zur\u00fcckgreifen, dann mu\u00df die Entwicklung einer in den generellen wirtschaftlichen Aufbau integrierten Landwirtschaft unterst\u00fctzt werden. Der ehemalige UN-Drogenbeaufragte Pino Arlacchi hat mit dem im Jahr 2000 abgeschlossenen Abkommen mit den Taliban demonstriert, da\u00df die Abschaffung des Drogenanbaus m\u00f6glich ist und den religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen der Taliban entgegen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorausgesetzt, da\u00df die Souver\u00e4nit\u00e4t Afghanistans und der neuen Regierung absolut respektiert wird und auch garantiert wird, da\u00df eine solche Hilfe beim Aufbau der Landwirtschaft nicht mit einer politischen Agenda vermischt wird, k\u00f6nnten verschiedene Pilotprojekte nach dem Modell von Jawaharlal Nehrus Gr\u00fcner Revolution mit den Regionen begonnen werden, die dazu bereit sind. Es gibt in den USA und Europa engagierte junge und \u00e4ltere Landwirte, die gerne bereit w\u00e4ren, in einer solchen Friedensmission dazu beizutragen, da\u00df die landwirtschaftliche Produktion in Afghanistan so verbessert wird, da\u00df die Hungersnot dauerhaft beseitigt werden kann. Angesichts der wiederholten D\u00fcrren m\u00fc\u00dften solche Programme nat\u00fcrlich einhergehen mit Bew\u00e4sserungsprogrammen und einem generellen Wassermanagement.<\/p>\n\n\n\n<p>Es mu\u00df in erster Linie darum gehen, der afghanischen Bev\u00f6lkerung in einer gigantischen Notlage zu helfen, die sie nicht selbst verursacht hat, und dies ist nur m\u00f6glich, wenn eine Vertrauensbasis mit der neuen Regierung hergestellt wird, ungeachtet aller ideologischen Vorbehalte. Das Komitee f\u00fcr die Koinzidenz der Gegens\u00e4tze schl\u00e4gt deshalb vor, da\u00df die USA und die europ\u00e4ischen Regierungen f\u00fcr die Koordinierung eines solchen Hilfsprogramms die Person vorschlagen, die in der Vergangenheit bewiesen hat, da\u00df eine solche Politik Erfolg haben kann \u2013 n\u00e4mlich Pino Arlacchi. Er w\u00e4re der Garant daf\u00fcr, da\u00df die Souver\u00e4nit\u00e4t Afghanistans respektiert und absolut nicht versucht w\u00fcrde, den westlichen Standard aufzuzwingen, da er auch schon in der Vergangenheit das Vertrauen der Taliban gewonnen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Neudefinition der Politik gegen\u00fcber Afghanistan bedeutet nat\u00fcrlich ebenso eine v\u00f6llige Abkehr vom Denken in geopolitischen Kategorien, eine Absage an die Vorstellung von Politik als Nullsummenspiel, bei dem der Aufstieg Chinas und Asiens automatisch als Abstieg des Westens aufgefa\u00dft wird. Der neue Regierungschef, Abdul Ghani Baradar, hat mit seinem Besuch beim chinesischen Au\u00dfenminister Wang Yi signalisiert, da\u00df seine Regierung auf die Zusammenarbeit mit China und die Integration Afghanistans in die Neue Seidenstra\u00dfe setzt. Der russische Botschafter in Afghanistan, Zamir Kabulow, hat eine internationale Konferenz f\u00fcr den wirtschaftlichen Aufbau des Landes vorgeschlagen, bei der diskutiert werden soll, welche Projekte absolute Priorit\u00e4t haben m\u00fcssen, um die Notlage zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Westen irgendetwas aus der Jahrtausend-Niederlage in Afghanistan gelernt hat, dann mu\u00df er unvoreingenommen mit Ru\u00dfland, China und den Nachbarl\u00e4ndern in Zentralasien, Pakistan, dem Iran und Indien nicht nur beim Aufbau Afghanistans, sondern auch ganz S\u00fcdwestasiens zusammenarbeiten. Nicht der Slogan \u201edie endlosen Kriege beenden\u201c ist idiotisch, wie Tony Blair sich ereiferte, sondern die von ihm vorgeschlagene Politik der kolonialen Interventionskriege. Sie war nicht nur schwachsinnig, sondern kriminell und m\u00f6rderisch und hat das Leben von Millionen Menschen zerst\u00f6rt oder sie in uns\u00e4gliches Leid gest\u00fcrzt, und ihre Architekten m\u00fc\u00dften zur Rechenschaft gezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn aber der Zyklus von Gewalt und Revanche \u00fcberwunden werden soll, dann mu\u00df eine neue Politik auf die Tagesordnung: Der neue Name f\u00fcr Frieden hei\u00dft Entwicklung, wie Papst Paul VI. sagte. Afghanistan ist der Ort, an dem die USA und China eine Form der Zusammenarbeit beginnen k\u00f6nnen, die einen Babyschritt in die Richtung einer strategischen Kooperation darstellen kann, bei der die gemeinsamen Ziele der Menschheit im Vordergrund stehen, und deren Verwirklichung letztlich die einzige Weise darstellt, wie das Ende der Menschheit in einem nuklearen Armageddon verhindert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Annegret Kramp-Karrenbauer scheint jedenfalls nichts aus der \u201eschweren Niederlage\u201c gelernt zu haben, wenn alles, was ihr dazu einf\u00e4llt, die Forderung nach \u201emehr milit\u00e4rischer Eigenst\u00e4ndigkeit der EU\u201c ist. Der \u201eMangel an eigenen F\u00e4higkeiten\u201c, von dem sie spricht, bezieht sich nicht nur auf den nicht geleisteten europ\u00e4ischen Widerstand gegen den von den USA betriebenen Abzug aus Afghanistan.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der selbstinduzierte Abstieg des Westens beendet werden soll, brauchen wir eine ehrliche Analyse, warum das neokoloniale liberale Gesellschaftsmodell gescheitert ist, und wir brauchen vor allem eine Renaissance unserer humanistischen und klassischen Kultur. Unsere Haltung bez\u00fcglich des Aufbaus in Afghanistan ist der Testfall, ob wir dazu in der Lage sind.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst als Leitartikel der <a href=\"https:\/\/solidaritaet.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Neuen Solidarit\u00e4t<\/a>. 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