{"id":74104,"date":"2021-05-12T11:57:40","date_gmt":"2021-05-12T15:57:40","guid":{"rendered":"https:\/\/schillerinstitute.com\/?p=74104"},"modified":"2021-05-12T11:57:46","modified_gmt":"2021-05-12T15:57:46","slug":"dr-hans-koechler-unilaterale-wirtschaftssanktionen-unmoral-und-arroganz-der-grossmachtpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2021\/05\/12\/dr-hans-koechler-unilaterale-wirtschaftssanktionen-unmoral-und-arroganz-der-grossmachtpolitik\/","title":{"rendered":"Dr. Hans K\u00f6chler &#8211; Unilaterale Wirtschaftssanktionen: Unmoral und Arroganz der Gro\u00dfmachtpolitik"},"content":{"rendered":"\n<p>Dr. Hans K\u00f6chler, Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Philosophie, Pr\u00e4sident der International Progress Organization<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Englischen <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unilaterale Wirtschaftssanktionen: Unmoral und Arroganz der Gro\u00dfmachtpolitik<\/h2>\n\n\n\n<p><em><strong>Rede gehalten auf der Internationalen Internet-Konferenz <a href=\"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2021\/05\/08\/konferenz-der-moralische-bankrott-der-transatlantischen-welt-schreit-nach-einem-neuen-paradigma\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2021\/05\/08\/konferenz-der-moralische-bankrott-der-transatlantischen-welt-schreit-nach-einem-neuen-paradigma\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eDer moralische Zusammenbruch der transatlantischen Welt und die Suche nach einem neuen Paradigma\u201c<\/a>, International Schiller Institute, 8. Mai 2021<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Frau Zepp-LaRouche, meine Damen und Herren!<\/p>\n\n\n\n<p>Carl von Clausewitz hat bekanntlich gesagt, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Wenn man auf den Verlauf der internationalen Angelegenheiten in den Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges zur\u00fcckblickt, k\u00f6nnte man in Analogie hinzuf\u00fcgen: \u201e<em>Sanktionen sind die Fortsetzung<\/em> &#8211; oder genauer die F\u00fchrung &#8211; <em>des Krieges mit anderen Mitteln.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegen\u00fcberstellung der beiden Maximen verdeutlicht das entscheidende Problem des in der internationalen Politik immer mehr \u00fcberhandnehmenden Einsatzes unilateraler Sanktionen. Unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten scheint wirtschaftlicher Zwang ein mehr oder weniger unhinterfragtes Instrument in der Machtpolitik zu werden. In Ermangelung eines globalen <em>Gleichgewichts<\/em> der Kr\u00e4fte sind Sanktionen in der Tat zu einem Mittel der Wahl in einer neuen Version der <em>asymmetrischen<\/em> Kriegsf\u00fchrung geworden &#8211; in Situationen, in denen der intervenierende Staat ein Maximum an Ergebnissen bei minimalem Risiko f\u00fcr sich selbst erzielen will. Diese in den meisten F\u00e4llen <em>willk\u00fcrlichen<\/em> (d.h. die Zivilbev\u00f6lkerung unterschiedslos treffenden), nur vorgeblich \u201egezielten\u201c Ma\u00dfnahmen sollen den Einsatz von Waffengewalt <em>erg\u00e4nzen<\/em> &#8211; vorangehend, begleitend oder nachfolgend -, mit dem Ziel, das betreffende Land zur Unterwerfung zu zwingen. Als solche sind sie Teil des Arsenals der Kriegsf\u00fchrung. Unter keinen Umst\u00e4nden, weder in ihrer unilateralen noch in ihrer multilateralen Form, sind Sanktionen mit einer Politik der Diplomatie oder des Friedens vereinbar. Sie sind immer &#8211; <em>sensu stricto <\/em>&#8211; eine Form der Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nach dem Ende des Kalten Krieges war das offensichtlichste Beispiel dieses \u201ekriegerischen\u201c au\u00dfenpolitischen Ansatzes das System von umfassenden Wirtschaftssanktionen, die von 1990 bis 2003 gegen den Irak verh\u00e4ngt wurden, bis zu dem Zeitpunkt, als die Vereinigten Staaten mit ihren Verb\u00fcndeten durch bewaffnete Aggression einen \u201eRegimewechsel\u201c herbeigef\u00fchrt und anschlie\u00dfend das Land besetzt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Moralphilosophisch, aber auch rechtsdogmatisch gesehen, sind sowohl umfassende als auch sogenannte \u201esektorale\u201c Sanktionen (wie die jetzt einseitig gegen Syrien verh\u00e4ngten) an und f\u00fcr sich eine Form der <em>Kollektivbestrafung<\/em> und verletzen damit fundamentale Menschenrechte, die nach unserem modernen Verst\u00e4ndnis Teil des i<em>us cogens<\/em> des allgemeinen V\u00f6lkerrechts sind. Au\u00dfer in seltenen F\u00e4llen von Selbstverteidigung sind unilaterale Wirtschaftssanktionen immer rechtswidrig. Sie sind gleichbedeutend mit einer Anma\u00dfung von souver\u00e4ner Macht \u00fcber andere Staaten. Nur als <em>multilaterale<\/em> Zwangsma\u00dfnahmen &#8211; im kollektiven Sicherheitssystem der Vereinten Nationen &#8211; k\u00f6nnen Sanktionen rechtlich zul\u00e4ssig sein, und dies auch nur unter der Bedingung, da\u00df die Ma\u00dfnahmen nicht die Grundrechte der Bev\u00f6lkerung im betroffenen Land verletzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechtlich gesehen ist die Verletzung der Souver\u00e4nit\u00e4t eines Landes generell v\u00f6lkerrechtswidrig, es sei denn, sie erfolgt unter der kollektiven Autorit\u00e4t des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, in einer Resolution auf der Grundlage von Kapitel VII der UN-Charta. Solche Beschl\u00fcsse k\u00f6nnen nur gefasst werden, wenn der Rat zuvor festgestellt hat, da\u00df in einer bestimmten Situation ein Bruch oder eine Bedrohung des Friedens vorliegt. Der Rat steht bei der Aus\u00fcbung seiner Zwangsbefugnisse nicht \u00fcber dem Gesetz. Er ist an die Regeln der UN-Charta und an die grundlegenden Normen der Menschenrechte gebunden. Nichtsdestotrotz kann, wie die Sanktionen gegen den Irak gezeigt haben, das oberste Exekutivorgan der Vereinten Nationen faktisch so handeln, als st\u00fcnde es <em>\u00fcber dem Gesetz<\/em> &#8211; wenn seine Agenda von einem oder mehreren m\u00e4chtigen st\u00e4ndigen Mitgliedern f\u00fcr eigene Zwecke vereinnahmt wird. Die allumfassenden Sanktionen gegen den Irak, die bis zur Invasion des Landes aufrechterhalten wurden, waren eine der schwerwiegendsten Verletzungen der internationalen Rechtsordnung in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort auf die Frage, warum ein solches Vorgehen \u00fcberhaupt m\u00f6glich war, verdeutlicht das Dilemma, mit dem die Welt heute konfrontiert ist \u2013 wenn das m\u00e4chtigste Land mit zunehmender H\u00e4ufigkeit <em>einseitig<\/em> Sanktionen verh\u00e4ngt und L\u00e4nder nach eigenem Gutd\u00fcnken angreift, je nachdem, was dieses Land als seine legitimen \u201enationalen Interessen\u201c deklariert. Die (multilateralen) Irak-Sanktionen wurden f\u00fcr mehr als ein Dutzend Jahre aufrechterhalten, weil die Vereinigten Staaten den Sicherheitsrat als Geisel ihrer machiavellistischen Agenda gegen\u00fcber diesem Land halten konnten. Aufgrund ihres Vetos im Sicherheitsrat waren die USA in der Lage, die Aufhebung der Sanktionen zu verhindern, bis sie mit dem \u201eErgebnis\u201c \u2013 n\u00e4mlich dem Zusammenbruch des Regierungssystems \u2013 zufrieden waren. Dies geschah, nachdem Hunderttausende Menschen durch die Sanktionen und die Sch\u00e4den an der zivilen Infrastruktur ihr Leben verloren hatten (eine Tatsache, die u.a. bereits 1996 in einem Bericht des Harvard Study Teams in den Vereinigten Staaten dokumentiert wurde).<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die historischen Tatsachen, diktiert von der Logik der Machtpolitik, liegen offen zutage. In der einmaligen Konstellation, als das bipolare Machtgleichgewicht zwischen den USA und der Sowjetunion 1990 zu schwinden begann, waren die Vereinigten Staaten in der Lage, die anderen Veto-L\u00e4nder sozusagen ins Boot zu holen. Nicht nur konnten die USA die Sanktionsresolution zuallererst herbeif\u00fchren; durch ihr Veto waren sie auch in der Lage, den gesamten Rat zur Geisel seiner einstigen Entscheidung zu machen. Die ern\u00fcchternde Tatsache ist, da\u00df Sanktionen nach Kapitel VII der UN-Charta ad infinitum fortdauern, solange auch nur <em>ein einziges<\/em> st\u00e4ndiges Mitglied Einspruch gegen ihre Aussetzung oder Aufhebung erhebt. Das ist die Realit\u00e4t der Gro\u00dfmachtpolitik im System der Vereinten Nationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das machtpolitische Dilemma ist noch gravierender und folgenreicher in F\u00e4llen <em>einseitiger<\/em> (unilateraler) Sanktionen. In den Jahren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Zerfall der Sowjetunion erm\u00f6glichte es die daraus resultierende unipolare Machtkonstellation (wenn auch nur vor\u00fcbergehend, wie wir heute wissen) dem \u201eWestblock\u201c, Zwangsresolutionen wie diejenigen zu den Irak-Sanktionen im Sicherheitsrat durchzusetzen. In den F\u00e4llen, in denen ein Beschluss des Sicherheitsrates \u00fcber Strafma\u00dfnahmen nicht herbeigef\u00fchrt werden konnte, f\u00fchlten sich die Vereinigten Staaten mit ihren Verb\u00fcndeten stark genug zu einem \u201eAlleingang\u201c. Dies zeigte sich auch bei der Gewaltanwendung gegen Jugoslawien im Jahr 1999.<\/p>\n\n\n\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, da\u00df in einem Milieu globaler Anarchie &#8211; in dem s\u00e4mtliche Kontrollmechanismen zur \u00dcberpr\u00fcfung des Agierens einer Supermacht versagen &#8211; eine Kultur der Straflosigkeit gedeiht und Selbstgerechtigkeit an die Stelle des Gesetzes tritt. Der sogenannte <em>Caesar Syria Protection Act<\/em> von 2019 ist ein Beispiel daf\u00fcr, ebenso wie die (sektoralen) Sanktionen gegen den Jemen, die am 19. Januar 2021 in Kraft getreten sind, genau einen Tag vor dem Amtsantritt des neuen Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten. In beiden F\u00e4llen handelt es sich um einseitige Ma\u00dfnahmen, die ohne auch nur den Anschein einer Abstimmung mit der internationalen Gemeinschaft durchgesetzt wurden und von den Vereinten Nationen nicht autorisiert sind. Die USA behaupten f\u00e4lschlicherweise, das Recht zu haben, diese Sanktionen <em>extraterritorial<\/em> durchzusetzen (d.h. gegen\u00fcber Drittstaaten, die nicht in den Streit involviert sind). Der Euphemismus \u201esekund\u00e4re Sanktionen\u201c kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, da\u00df es sich hier um eine typisch imperialistische Souver\u00e4nit\u00e4tsanma\u00dfung unter v\u00f6lliger Missachtung des V\u00f6lkerrechts handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Heuchelei und v\u00f6llige Unmoral einer solchen Politik ist inzwischen f\u00fcr jeden unparteiischen Beobachter offensichtlich. Nachdem sie durch ihr Eingreifen zugunsten einer Konfliktpartei den B\u00fcrgerkrieg in Syrien &#8211; seit nunmehr zehn Jahren &#8211; gesch\u00fcrt haben, bestrafen die Vereinigten Staaten die gesamte Bev\u00f6lkerung des bereits massiv destabilisierten und geschw\u00e4chten Staates mit Ma\u00dfnahmen, die die Zerst\u00f6rung der Wirtschaft und der zivilen Infrastruktur herbeif\u00fchren. Dieses Verhalten offenbart eine Arroganz und Selbstgerechtigkeit, die typisch ist f\u00fcr imperiale Herrschaft. Mit dem Beharren darauf, die syrische Regierung f\u00fcr die behauptete Begehung von Greueltaten zu \u201ebestrafen\u201c und ein Ende der Menschenrechtsverletzungen herbeizuf\u00fchren, haben die Vollstrecker der Sanktionen den Krieg tats\u00e4chlich verl\u00e4ngert und noch gr\u00f6\u00dfere Instabilit\u00e4t in der gesamten Region verursacht. Die extraterritoriale Durchsetzung der Ma\u00dfnahmen bedeutet, da\u00df in den Bereichen, die unter das \u201eCaesar-Gesetz\u201c fallen, Transaktionen und Gesch\u00e4fte mit Syrien \u00fcberall auf der Welt verboten sind &#8211; auch wenn sie keinen Bezug zu den USA haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl eine solche Praxis eindeutig rechtswidrig ist, ist die internationale Gemeinschaft mehr oder weniger zur Rolle eines blo\u00dfen Beobachters der Ereignisse verdammt. Aufgrund des Gro\u00dfmacht-Vetos im Sicherheitsrat genie\u00dfen die USA faktisch Immunit\u00e4t bei der unilateralen Durchsetzung ihrer Politik. Die Situation wird sich nur \u00e4ndern, wenn sich das globale Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis verschiebt und andere Staaten sich schlie\u00dflich stark genug f\u00fchlen, die Forderungen der USA zu ignorieren \u2013 oder sich ihrer Sanktionspolitik offen zu widersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Katstrophe, die den Menschen in Syrien &#8211; und neuerdings auch im Jemen &#8211; zugef\u00fcgt wurde, ist nach dem R\u00f6mischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs gleichbedeutend mit einem <em>Verbrechen gegen die Menschlichkeit<\/em>. Allerdings sind weder die betroffenen L\u00e4nder noch die USA Vertragsstaaten des Gerichtshofs. Die Welt ist mit der skandal\u00f6sen Situation konfrontiert, da\u00df es unter dem gegenw\u00e4rtigen System des V\u00f6lkerrechts effektiv keine <em>Rechtsmittel<\/em> gibt &#8211; sei es im Sinne des allgemeinen V\u00f6lkerrechts (vor dem Internationalen Gerichtshof) oder des V\u00f6lkerstrafrechts (vor dem Internationalen Strafgerichtshof [ICC]) -, gegen die unmittelbar Verantwortlichen vorzugehen. Der ICC k\u00f6nnte allerdings die Gerichtsbarkeit \u00fcber Amtsinhaber mit den USA verb\u00fcndeter Staaten aus\u00fcben, wenn nachgewiesen werden kann, da\u00df sie an der kollektiven Bestrafung des syrischen und\/oder jemenitischen Volkes mitbeteiligt sind\/waren. US-Verb\u00fcndete in Europa, einschlie\u00dflich des Vereinigten K\u00f6nigreichs, sind n\u00e4mlich Vertragsstaaten des ICC. In diesen F\u00e4llen h\u00e4tte der Ankl\u00e4ger des Gerichts die Befugnis, eine Untersuchung einzuleiten. Es h\u00e4ngt alles vom Mut und der moralischen Integrit\u00e4t des jeweiligen Amtsinhabers ab. (Im letzten Jahr sind der Ankl\u00e4ger und andere Beamte des Gerichts wegen der Untersuchung von Kriegsverbrechen in Afghanistan unter schweren Druck der US-Regierung geraten, der bis zur Verh\u00e4ngung von pers\u00f6nlichen Sanktionen gegen einzelne Amtstr\u00e4ger des Gerichts ging.)<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor Verh\u00e4ngung der \u201eCaesar-Sanktionen\u201c durch die Vereinigten Staaten war der Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsrates in einem Bericht von 2018 zu der, wenn auch zaghaften, Schlussfolgerung gekommen, da\u00df die \u201eAnh\u00e4ufung vielf\u00e4ltiger und verflochtener einseitiger Zwangsma\u00dfnahmen\u201c die Menschenrechtslage in Syrien \u201eunn\u00f6tig erschwert\u201c habe.<sup>2<\/sup> Es ist ein trauriges und ern\u00fcchterndes <em>D\u00e9j\u00e0-vu<\/em>: Das Leid des syrischen Volkes spiegelt die Trag\u00f6die wider, die dem irakischen Volk vor fast drei Jahrzehnten zugef\u00fcgt wurde, nachdem der damalige Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten eine \u201eNeue Weltordnung\u201c ausgerufen hatte. An dieser Stelle ist es wichtig, festzuhalten, da\u00df wir mit unserer Beurteilung nicht alleine dastehen, wie auch ein Bericht der Zeitschrift <em>Foreign Policy<\/em> beweist.<sup>3<\/sup> Es ist skandal\u00f6s und moralisch emp\u00f6rend, da\u00df eine mittelalterliche Mentalit\u00e4t und Taktik des Belagerungskrieges zum Inventar der Gro\u00dfmachtpolitik am Beginn des dritten Jahrtausends geh\u00f6rt! Der Bev\u00f6lkerung eines Landes lebenswichtige Ressourcen zu entziehen, um den Staat zur Unterwerfung zu zwingen, ist nichts weniger als ein internationales Verbrechen nach den N\u00fcrnberger Prinzipien. Wenn die Welt dies hinnimmt, kann es keinen Fortschritt an <em>Humanit\u00e4t<\/em> geben &#8211; trotz der hochtrabenden humanit\u00e4ren Phrasen, deren man sich zur Rechtfertigung solcher Praktiken bedient.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zusammengefasst<\/em>: In der heutigen Realpolitik folgen unilaterale Sanktionen der Logik von Erpressung und nackter Macht. Weil das gegenw\u00e4rtige System der Vereinten Nationen so konzipiert ist, da\u00df Macht letztlich \u00fcber das Recht siegt, ist es umso wichtiger, das moralische Bewusstsein der internationalen Zivilgesellschaft wachzur\u00fctteln. Nur so kann Druck auf jene Regierungen ausge\u00fcbt werden, die eine machiavellistische Politik der kollektiven Bestrafung verfolgen oder dulden. Ich m\u00f6chte hier die besondere Rolle und Verantwortung der religi\u00f6sen Institutionen bei der Verteidigung der Menschenw\u00fcrde im weltweiten \u00f6ffentlichen Diskurs hervorheben. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Kirchen in jenen L\u00e4ndern, deren Regierungen &#8211; um es unverbl\u00fcmt zu sagen &#8211; Sanktionen zu einem Instrument ihrer Au\u00dfenpolitik gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sch\u00e4tzen den Aufruf Seiner Eminenz Kardinal Mario Zenari zur Aufhebung der unilateralen Sanktionen, die in letzter Konsequenz \u00fcber das syrische Volk verh\u00e4ngt wurden. Bei einer Veranstaltung von <em>Caritas Internationalis <\/em>nahm er kein Blatt vor den Mund und setzte die Auswirkungen der Syrien-Sanktionen mit denen eines Krieges gleich.<sup>4 <\/sup>(Abgesehen von der Verurteilung der Politik von Strafma\u00dfnahmen im allgemeinen sollte die Kirchenleitung auch gegen\u00fcber den sich zum Christentum bekennenden Staatsf\u00fchrern deutlich machen, da\u00df eine solche Politik gegen die Lehren des christlichen Glaubens schlechthin verst\u00f6\u00dft. Nach unserem Wissen sind die meisten der verantwortlichen Amtstr\u00e4ger in den L\u00e4ndern, die Sanktionen als Mittel der Au\u00dfenpolitik einsetzen &#8211; darunter auch der derzeitige Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten, ein Katholik &#8211; Mitglieder christlicher Kirchen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Augenblick muss die erste Priorit\u00e4t die Bereitstellung von humanit\u00e4rer Hilfe sein, wie sie von Caritas und anderen Nichtregierungsorganisationen gefordert und praktiziert wird. (Das vom Schiller-Institut gegr\u00fcndete \u201eKomitee zur Rettung der Kinder im Irak\u201c hat nach dem Golfkrieg 1991 einen \u00e4hnlichen Ansatz verfolgt.) Die Nothilfema\u00dfnahmen sollten durch eine zivilgesellschaftliche Kampagne in den L\u00e4ndern begleitet werden, die die Hauptverantwortung f\u00fcr die Fortsetzung des Krieges und insbesondere des \u201eKrieges durch Sanktionen\u201c tragen. Neben der Bek\u00e4mpfung der Symptome ist es erforderlich, auch die <em>Ursachen<\/em> der humanit\u00e4ren Katastrophe zu benennen und Lehren f\u00fcr die Zukunft zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hehren Prinzipien der Menschenrechte &#8211; vorgeblich das Fundament unseres demokratischen Gemeinwesens und die Grundlage internationaler Legitimit\u00e4t &#8211; werden v\u00f6llig bedeutungslos, wenn wir zulassen, da\u00df Regierungen, die behaupten, in unserem Namen zu handeln, die Macht \u00fcber das Recht stellen und weiterhin ganze V\u00f6lker im Namen der \u201eMenschlichkeit\u201c bestrafen. Dies w\u00fcrde in der Tat den moralischen Zusammenbruch der transatlantischen Welt bedeuten, den in dieser Phase des Weltgeschehens nur eine wache und mutige Zivilgesellschaft verhindern kann &#8211; indem sie die Verantwortlichen vor dem Gericht der \u00f6ffentlichen Meinung zur Rechenschaft zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n<p><div class=\"hr\"><hr \/><\/div><\/p>\n\n\n<p>1. <em>Unsanctioned Suffering: A Human Rights Assessment of United Sanctions on Iraq<\/em>. Center for Economic and Social Rights, Mai 1996.<\/p>\n\n\n\n<p>2. UN Human Rights Council, Doc. A\/HRC\/39\/54\/Add.2, 11. September 2018.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Anchal Vohra, \u201eAssad\u2019s Syria Is Starting to Starve Like Saddam\u2019s Iraq: How sanctions against the Syrian regime are forcing the country into famine.\u201d <em>Foreign Policy<\/em>, Washington, DC, 2. December 2020, <em>foreignpolicy.com<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>4. \u201eStop sanctions. After 10 years of war Syria is now under the \u2018bomb\u2019 of poverty.\u201d Caritas Internationalis, 23. M\u00e4rz 2021.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Hans K\u00f6chler, Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Philosophie, Pr\u00e4sident der International Progress Organization \u00dcbersetzung aus dem Englischen Unilaterale Wirtschaftssanktionen: Unmoral und Arroganz der Gro\u00dfmachtpolitik Rede gehalten auf der Internationalen Internet-Konferenz \u201eDer moralische Zusammenbruch der transatlantischen Welt und die Suche nach einem neuen Paradigma\u201c, International Schiller Institute, 8.&hellip;<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on get_the_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on get_the_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":74120,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_lmt_disableupdate":"","_lmt_disable":"","footnotes":""},"categories":[37,716],"tags":[],"class_list":["post-74104","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein-de","category-stoppt-die-sanktionen"],"featured_image_src":"https:\/\/schillerinstitute.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/hans-kochler.jpeg.jpg","author_info":{"display_name":"madeleine","author_link":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/author\/madeleine\/"},"modified_by":"madeleine","cc_featured_image_caption":{"caption_text":"","source_text":"","source_url":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74104"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74133,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74104\/revisions\/74133"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/74120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}