{"id":49500,"date":"2018-11-05T10:24:06","date_gmt":"2018-11-05T09:24:06","guid":{"rendered":"https:\/\/schillerinstitute.com\/?p=49500\/"},"modified":"2018-11-05T10:24:06","modified_gmt":"2018-11-05T09:24:06","slug":"wir-schlafwandler-haben-wir-daraus-gelernt-wie-es-zum-ersten-weltkrieg-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2018\/11\/05\/wir-schlafwandler-haben-wir-daraus-gelernt-wie-es-zum-ersten-weltkrieg-kam\/","title":{"rendered":"Wir Schlafwandler: Haben wir daraus gelernt, wie es zum Ersten Weltkrieg kam?"},"content":{"rendered":"<p>Von Helga Zepp-LaRouche<\/p>\n<p>Nur f\u00fcnf Tage nach der richtungsweisenden Kongre\u00dfwahl in den USA, die ma\u00dfgeblich \u00fcber die Weichenstellung f\u00fcr Krieg oder Frieden entscheiden wird, treffen sich die Pr\u00e4sidenten Trump und Putin anl\u00e4\u00dflich des Jahrestages der Beendigung des Ersten Weltkriegs in Paris. Dort wird es u.a. um die einseitige Aufk\u00fcndigung des INF-Vertrags durch die USA gehen, und hoffentlich auch darum, wie diese beiden f\u00fchrenden Nationen trotz der extrem angespannten internationalen Lage sicherstellen k\u00f6nnen, da\u00df der Menschheit ein dritter &#8211; diesmal die Menschheit ausl\u00f6schender &#8211; Weltkrieg erspart bleiben wird.<\/p>\n<p>Bei meiner k\u00fcrzlichen Reise nach Moskau hatte ich in mehreren Gespr\u00e4chen mit Repr\u00e4sentanten f\u00fchrender Institutionen Gelegenheit, einen Eindruck aus erster Hand zu erhalten, wie die strategische Lage aus dem russischen Blickwinkel aussieht. Die russische F\u00fchrung hat ganz klar die Schlu\u00dffolgerungen aus den diversen Schritten des Westens und der NATO gezogen &#8211; der Ausweitung der NATO an die Grenzen Ru\u00dflands, dem Aufbau des Raketenabwehrsystems in Rum\u00e4nien und Polen, das innerhalb k\u00fcrzester Zeit in ein offensives System verwandelt werden kann, der Aufk\u00fcndigung des ABM- und jetzt des INF-Vertrages, sowie der verschiedenen \u201eNarrativen\u201c, die Ru\u00dfland als Feindbild und Putin als D\u00e4mon portr\u00e4tieren -, da\u00df ein gro\u00dfer Krieg nicht ausgeschlossen werden kann.<\/p>\n<p>Tage sp\u00e4ter, am 26. Oktober betonte der stellvertretende Direktor f\u00fcr Nichtverbreitung und Abr\u00fcstung des russischen Au\u00dfenministeriums, Andrej Belussow, vor der UN in New York: \u201eDie USA haben hier k\u00fcrzlich auf diesem Treffen gesagt, da\u00df Ru\u00dfland den Krieg vorbereitet. Ja, Ru\u00dfland bereitet sich auf Krieg vor, ich habe es best\u00e4tigt. Wir bereiten uns darauf vor, unsere Heimat, unsere territoriale Integrit\u00e4t, unsere Prinzipien, unsere Werte, unser Volk zu verteidigen &#8211; wir bereiten uns auf einen solchen Krieg vor&#8230; Ru\u00dfland bereitet sich auf Krieg vor, und die USA bereitet einen Krieg vor. Warum w\u00fcrden sich die USA sonst aus dem (INF-) Vertrag zur\u00fcckziehen, ihr nukleares Potential aufbauen und eine neue Nuklear-Doktrin erlassen?\u201c<\/p>\n<p>Am 31. Oktober ver\u00f6ffentlichte Michail Chodarenok, Milit\u00e4rkommentator f\u00fcr Gazeta.ru, in RT.com unter dem Titel: \u201eNuklearkrieg: Hypothetische Szenarien &#038; Ru\u00dflands Schlag-Optionen\u201c eine ern\u00fcchternde Darstellung des technischen Ablaufs, wenn es zum Ernstfall kommen sollte. Er betonte, da\u00df es keinen finanziellen, territorialen oder ideologischen Konflikt zwischen den USA und Ru\u00dfland gebe, der zu einem massiven nuklearen Schlagabtausch f\u00fchren k\u00f6nne, aber dann fuhr Chodarenok fort, im Detail die Abfolge von Entscheidungen, kodierten Abl\u00e4ufen, versiegelten Befehlen bis zum Start des Nuklear-Arsenals zu beschreiben. In dem Moment, in dem ein massiver Angriff von Interkontinentalraketen von US-Territorien und U-Booten aus registriert wird, werden die Ziele in Ru\u00dfland und die Flugzeit berechnet. Die russische F\u00fchrung beschlie\u00dft \u201elaunch on warning\u201c (Abschu\u00df nach Warnung), und in 7-9 Minuten erfolgt der massive Gegenschlag mit strategischen Nuklearwaffen vom russischen Territorium und benachbarten Gew\u00e4ssern.<\/p>\n<p>Das Worst-Case-Szenario sei die Ausschaltung der politischen und milit\u00e4rischen F\u00fchrung und die sich daraus ergebende Unm\u00f6glichkeit, die notwendigen Befehle zu erteilen. In diesem Fall werde das Perimeter-System bzw. sein moderner Namensvetter aktiviert, ein urspr\u00fcnglich w\u00e4hrend des Kalten Krieges entwickeltes installiertes Atomwaffen-F\u00fchrungssystem, mit dem ein allumfassender Gegenschlag automatisch ausgel\u00f6st w\u00fcrde. Chodarenok unterstreicht abschlie\u00dfend, da\u00df alle Optionen des Einsatzes von Nuklearwaffen eine Katastrophe f\u00fcr die beteiligten Parteien und andere Nationen auf der ganzen Welt bedeuteten. Der nukleare Winter w\u00fcrde kurze Zeit nach dem nuklearen Schlagabtausch einsetzen und das Leben der wenigen bedrohen, die das nukleare Armageddon \u00fcberlebt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Chodarenok weist damit auf die aktuelle G\u00fcltigkeit dieses Mechanismus hin, dessen Existenz w\u00e4hrend des Kalten Kriegs zum Allgemeinwissen geh\u00f6rte, das aber in der Zwischenzeit der Phantasie eines \u201egewinnbaren taktischen Nuklearkriegs\u201c Platz gemacht hat.<\/p>\n<p>Ganz so, als handele es sich um ein selbstverst\u00e4ndliches Konversationsthema, \u00e4u\u00dferte der bisherige Kommandant der US-Truppen in Europa, Lt. Gen. (ret.) Ben Hodges, soeben auf dem Sicherheits-Forum in Warschau, da\u00df die Wahrscheinlichkeit eines Krieges mit China in 15 Jahren sehr hoch sei. Auf Nachfragen seitens der US-Webseite Daily Beast erl\u00e4uterte Hodges, seine Absicht sei es gewesen, den Europ\u00e4ern klar zu machen, da\u00df bei einem gleichzeitigen Krieg mit Ru\u00dfland und China der gr\u00f6\u00dfere Teil des US-Arsenals im Pazifik eingesetzt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Angesichts der H\u00e4ufung solcher kriegsl\u00fcsterner \u00c4u\u00dferungen seitens diverser &#8211; vor allem amerikanischer und britischer &#8211; Milit\u00e4rs, sowie zahlreichen Provokationen wie z.B. dem gegenw\u00e4rtig stattfindenden NATO-Man\u00f6ver \u201eTrident Juncture\u201c, das den \u00dcberfall auf ein NATO-Mitglied durch \u201eein Land\u201c simuliert, ist es h\u00f6chste Zeit, sich ins Bewu\u00dftsein zu r\u00fccken, da\u00df jeglicher Einsatz von Atomwaffen den \u201eDoomsday-Mechanismus\u201c in Gang setzen w\u00fcrde. Es sei hier nur auf die Argumentation des US-Milit\u00e4ranalysten Ted Postol verwiesen, warum es in der Natur der Sache des Nuklearkrieges liege, da\u00df es im Ernstfall zum Einsatz aller Waffen komme.<\/p>\n<p>Der hundertste Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, dessen Vorgeschichte mit der Entlassung Bismarcks begann, der ein Vierteljahrhundert britisch inspirierter geopolitischer Manipulationen folgten &#8211; von der Entente Cordiale, \u00fcber die Triple Entente, den Russisch-Japanischen Krieg von 1904\/05 bis hin zu den Balkankriegen -, bis schlie\u00dflich der Schu\u00df von Sarajewo nur noch der beliebige Ausl\u00f6ser war, sollte ein guter Anla\u00df sein, sich zu vergew\u00e4rtigen, wie leicht die Menschheit auf einem vorbereiteten Schachbrett in die Katastrophe \u201eschlafwandelt\u201c. Keiner der Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs konnte dessen Verlauf voraussehen, aber insbesondere f\u00fcr die deutschen und franz\u00f6sischen Soldaten, die sich vier Jahre lang in sinnlosen Grabenk\u00e4mpfen abschlachteten, bedeutete dieser Krieg die totale Entwurzelung einer ganzen Generation. Der Boden f\u00fcr die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg war bereitet.<\/p>\n<p>In Ru\u00dfland ist die Erfahrung des \u201eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges\u201c, der 27 Millionen Russen das Leben gekostet hat, absolut pr\u00e4sent &#8211; auch bei den j\u00fcngeren Generationen. Im Westen hingegen ist die Haltung der Vertreter der Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch bewu\u00dft erlebt haben, und den Nachkriegsgenerationen sehr verschieden. F\u00fcr viele j\u00fcngere Menschen ist die Idee von Krieg bestenfalls ebenso virtuell wie ihre Videospiele. Andernfalls w\u00e4re kaum nachzuvollziehen, wie realit\u00e4tsfern bez\u00fcglich der Konsequenzen das selbstgemachte Narrativ \u00fcber Ru\u00dfland und Putin in einem geradezu pathologischen \u201eGruppendenken\u201c im westlichen Establishment nachgebetet wird.<\/p>\n<p>In Ru\u00dfland hingegen sieht die absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung trotz des j\u00fcngsten Unmuts \u00fcber die Heraufsetzung des Rentenalters in Putin den nationalen Retter, der das Land aus der furchtbaren Dekade der Jelzin-\u00c4ra befreit hat. Vom Westen weitgehend vergessen, im russischen Bewu\u00dftsein aber voll und ganz pr\u00e4sent, ist die vom Weltw\u00e4hrungsfonds induzierte Schocktherapie, mittels derer Jeffrey Sachs die industriellen Kapazit\u00e4ten Ru\u00dflands von 1991-94 auf nur noch 30% reduzierte. Der daraus resultierende Kollaps der demographischen Kurve &#8211; pro Jahr schrumpfte die russische Bev\u00f6lkerung um eine Million Menschen &#8211; wurde von der Bev\u00f6lkerung als Genozid erlebt.<\/p>\n<p>Putin hingegen wird als der Pr\u00e4sident gesehen, der die Macht der Oligarchen zumindest politisch einged\u00e4mmt hat und der die Pl\u00e4ne des Westens, Ru\u00dfland vom Status einer Supermacht zu sowjetischen Zeiten in ein Rohstoff-exportierendes Dritte-Welt-Land zu reduzieren, zunichte gemacht hat. In Ru\u00dfland wird Putin daf\u00fcr geliebt und verehrt, f\u00fcr das geopolitische Establishment des Westen, das schon geglaubt hatte, sich die Kontrolle \u00fcber Ru\u00dflands enorme Rohstoffvorkommen unter den Nagel gerissen zu haben, liegt hier der wahre Grund f\u00fcr die D\u00e4monisierung Putins.<\/p>\n<p>Laut einer k\u00fcrzlichen Umfrage der Military Times unter aktiven Soldaten und Offizieren der US-Streitkr\u00e4fte sind 46%, also fast die H\u00e4lfte, davon \u00fcberzeugt, da\u00df ihr Land 2019 in einen gro\u00dfen milit\u00e4rischen Konflikt mit Ru\u00dfland hineingezogen wird. Wie Oberst a.D. Rolf Bergmeier, ehemaliger Oberst im Generalstab und stellvertretender Abteilungsleiter \u201ePlanung und Leitung\u201c in der NATO, in einer Kritik des NATO-Man\u00f6vers Trident Juncture, das er als unn\u00f6tige Provokation bezeichnete, noch einmal daran erinnerte: Bei der gegenw\u00e4rtigen NATO-Strategie sei Deutschland in einem Krieg zwischen Ost und West das nukleare Schlachtfeld.<\/p>\n<p>F\u00fcr die damaligen Pr\u00e4sidenten Reagan und Gorbatschow, die 1987 den INF-Vertrag unterzeichneten, war klar, da\u00df ein nuklearer Krieg nicht gewonnen werden kann. Mit der angedrohten Aufk\u00fcndigung des INF-Vertrages durch die USA k\u00f6nnten wir sehr schnell in eine Situation geraten, die Parallelen zur Mittelstreckenraketenkrise zu Beginn der 1980er Jahre aufweist, in der Hunderttausende auf die Stra\u00dfen gingen, weil ihnen bewu\u00dft war, da\u00df Deutschland in einem Ost-West-Krieg ausgel\u00f6scht w\u00fcrde. Heute ist die Gesamtlage weitaus gef\u00e4hrlicher: Schlafwandeln wir diesmal in den Dritten Weltkrieg?<\/p>\n<p>Wir sollten den Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs zum Anla\u00df f\u00fcr die Erkenntnis nehmen, da\u00df wir die Geopolitik \u00fcberwinden und durch ein neues Paradigma der Idee der einen Menschheit ersetzen m\u00fcssen. Das Konzept des chinesischen Pr\u00e4sidenten von der Schicksalsgemeinschaft f\u00fcr die eine Zukunft der Menschheit, die der Initiative der Neuen Seidenstra\u00dfe zugrunde liegt, beschreibt dieses neue Paradigma als eine v\u00f6llig neue Form der internationalen Beziehungen durch eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil. Wenn wir irgend etwas aus den Trag\u00f6dien des 20. Jahrhunderts gelernt haben, dann m\u00fcssen wir lernen, \u00fcber die Menschheit ganz anders zu denken.<\/p>\n<p>zepp-larouche@eir.de<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Helga Zepp-LaRouche Nur f\u00fcnf Tage nach der richtungsweisenden Kongre\u00dfwahl in den USA, die ma\u00dfgeblich \u00fcber die Weichenstellung f\u00fcr Krieg oder Frieden entscheiden wird, treffen sich die Pr\u00e4sidenten Trump und Putin anl\u00e4\u00dflich des Jahrestages der Beendigung des Ersten Weltkriegs in Paris. 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