{"id":104515,"date":"2024-09-23T08:46:35","date_gmt":"2024-09-23T12:46:35","guid":{"rendered":"https:\/\/schillerinstitute.com\/?p=104515"},"modified":"2024-09-23T08:46:38","modified_gmt":"2024-09-23T12:46:38","slug":"interview-mit-botschafter-a-d-jack-matlock-um-die-menschheit-zu-retten-muessen-wir-zur-diplomatie-zurueckkehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2024\/09\/23\/interview-mit-botschafter-a-d-jack-matlock-um-die-menschheit-zu-retten-muessen-wir-zur-diplomatie-zurueckkehren\/","title":{"rendered":"Interview mit Botschafter a.D. Jack Matlock: \u201eUm die Menschheit zu retten, m\u00fcssen wir zur Diplomatie zur\u00fcckkehren\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Botschafter a.D. Jack Matlock ist einer der angesehensten pensionierten US-Diplomaten. Der Experte f\u00fcr russische Geschichte und Kultur wurde 1961 nach Moskau entsandt und blieb f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil des Kalten Krieges Washingtons Mann vor Ort. 1987 w\u00e4hlte Pr\u00e4sident Reagan ihn f\u00fcr den wichtigen Posten des Botschafters in der Sowjetunion aus, den er bis zu seiner Pensionierung 1991 innehatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 3. September gab Matlock, der heute 94 Jahre alt ist, Mike Billington von <em>EIR<\/em> und dem Schiller-Institut ein ausf\u00fchrliches Interview. Da er an vielen der Ereignisse, auf die der gegenw\u00e4rtige Konflikt in der Ukraine zur\u00fcckgeht, pers\u00f6nlich beteiligt war, bietet das Interview einen faszinierenden historischen Einblick. Er beantwortet in dem Interview auch eine Reihe von Fragen zur Lage in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bringen im folgenden Ausz\u00fcge aus diesem Interview, die Zwischen\u00fcberschriften wurden von der Redaktion hinzugef\u00fcgt. Den Videomitschnitt und die vollst\u00e4ndige Mitschrift des Interviews im englischen Original finden Sie auf der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/schillerinstitute.com\/blog\/2024\/09\/09\/\" target=\"_blank\">Internetseite des Schiller-Instituts<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"\u201eUm die Menschheit zu retten, m\u00fcssen wir zur Diplomatie zur\u00fcckkehren\u201c - Interview mit Jack Matlock\" width=\"960\" height=\"540\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/8XXlBV3W8hA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Jack Matlock:<\/em><\/strong> Offensichtlich sind wir in eine sehr gef\u00e4hrliche Phase eingetreten, denn Ru\u00dfland betrachtet die Aktionen der Vereinigten Staaten und ihrer NATO-Verb\u00fcndeten als aggressive Handlungen, die seine nationale Sicherheit bedrohen. Ru\u00dfland ist eine atomar bewaffnete Macht mit einem Atomwaffenarsenal, das mindestens ebenso gro\u00df, wenn nicht sogar gr\u00f6\u00dfer ist als das der Vereinigten Staaten, und viel gr\u00f6\u00dfer als das unserer NATO-Verb\u00fcndeten Frankreich und Gro\u00dfbritannien. Ich halte es f\u00fcr \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich, einen nicht erkl\u00e4rten Krieg gegen eine atomar bewaffnete Macht zu f\u00fchren, die \u2013 zu Recht oder zu Unrecht \u2013 ihre Souver\u00e4nit\u00e4t und sogar ihre politische Existenz bedroht sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube also, da\u00df es eine gef\u00e4hrliche Situation ist. Nicht so sehr, da\u00df eine der beiden Seiten einen Einsatz von Atomwaffen vorhat. Aber ich denke, eine solche Situation kann leicht durch Fehler zu einem nuklearen Schlagabtausch f\u00fchren. Wenn beide Seiten erst einmal in Stellung gegangen sind und ihre Atomwaffen in Alarmbereitschaft versetzt haben, k\u00f6nnen Signale sehr leicht falsch verstanden werden. Das ist w\u00e4hrend des Kalten Krieges mehrmals passiert, und wir hatten Gl\u00fcck, da\u00df nicht entsprechend reagiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde auch sagen, da\u00df wir in unserem derzeitigen unerkl\u00e4rten Krieg gegen Ru\u00dfland \u00fcbersehen, da\u00df Ru\u00dfland \u00fcber viele andere Mittel verf\u00fcgt, um uns anzugreifen, die nur sehr schwer zu tolerieren w\u00e4ren. Zum Beispiel sind seine F\u00e4higkeiten in der Cyber-Kriegsf\u00fchrung denen der Vereinigten Staaten oder eines NATO-Mitgliedslands durchaus ebenb\u00fcrtig. Zudem sind diese Angriffe auf eine Art und Weise m\u00f6glich, bei denen nicht klar ist, wie sie zustande kamen. Zweitens ist Ru\u00dfland zweifellos in der Lage, die Kommunikationssatelliten auszuschalten, die f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der heutigen Kriegsf\u00fchrung unerl\u00e4\u00dflich sind. Ich halte es f\u00fcr \u00e4u\u00dferst leichtsinnig, das Risiko einer solchen Aktion einzugehen\u2026<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ru\u00dfland war nie eine Bedrohung<\/h3>\n\n\n\n<p><strong><em>Matlock:<\/em><\/strong> Ich glaube, da\u00df das so ist. Wir haben anfangs eine Partnerschaft f\u00fcr den Frieden mit den L\u00e4ndern Osteuropas vorgeschlagen, auch mit Ru\u00dfland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. H\u00e4tten wir diesen Kurs beibehalten \u2013 auch wenn wir die NATO in ihrer jetzigen Form beibehalten h\u00e4tten, aber im Rahmen der Partnerschaft f\u00fcr den Frieden in Zusammenarbeit mit den anderen \u2013, dann h\u00e4tte das meiner Meinung nach die Schaffung einer umfassenderen europ\u00e4ischen Sicherheitsstruktur erm\u00f6glicht. Das fand nicht statt. Und es hat nicht stattgefunden, weil sich die Vereinigten Staaten anstelle der Partnerschaft f\u00fcr den Frieden letztlich f\u00fcr die NATO-Osterweiterung entschieden haben. Ich halte das f\u00fcr einen gro\u00dfen Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe damals vor dem Senatsausschu\u00df \u2013 der zu der Zeit von Senator Joseph Biden geleitet wurde \u2013 ausgesagt und mich entschieden dagegen ausgesprochen. Denn ich war der Meinung, da\u00df Osteuropa und Ru\u00dfland eine friedliche Beziehung zu Europa und eine zunehmende Integration ihrer Volkswirtschaften auf der Grundlage des freien Unternehmertums und des westlichen Systems brauchten. Ich wu\u00dfte, da\u00df der \u00dcbergang in der ehemaligen Sowjetunion \u00e4u\u00dferst schwierig sein w\u00fcrde, \u00e4hnlich wie in Osteuropa, aber noch schwieriger. Und mein Eindruck, wenn man anfangen w\u00fcrde, die NATO zu erweitern: Die NATO war eigentlich ein Verteidigungsb\u00fcndnis, um eine sowjetische Invasion in Westeuropa zu verhindern, als die Sowjetunion Osteuropa beherrschte. Aber jetzt beherrschten sie Osteuropa nicht mehr, die Sowjetunion war zusammengebrochen, und Ru\u00dfland hatte nur noch die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung der Sowjetunion und ein Milit\u00e4r, das in v\u00f6lliger Aufl\u00f6sung begriffen war. Es konnte keine Bedrohung darstellen. Wenn man also anf\u00e4ngt, die NATO zu erweitern, bedeutet das, da\u00df es eine Bedrohung durch andere V\u00f6lker gibt. Und mir war klar, da\u00df ein demokratischeres System in Ru\u00dfland unm\u00f6glich w\u00e4re, wenn Ru\u00dfland das Gef\u00fchl hatte, da\u00df die Vereinigten Staaten in einer Weise vorgehen, die eine milit\u00e4rische Bedrohung darstellte, indem sie in Gebiete vorstie\u00dfen und sich mit L\u00e4ndern und Gebieten verb\u00fcndeten, die traditionell von Ru\u00dfland beherrscht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, die russischen Pr\u00e4sidenten haben das anfangs widerwillig akzeptiert, aber deutlich gemacht, da\u00df es nicht so weitergehen d\u00fcrfte, besonders nicht auf dem Balkan. Es ging weniger um die Existenz einer Garantie der Vereinigten Staaten, da\u00df sie jeden Angriff auf ein NATO-Mitglied als Angriff auf sich selbst betrachten w\u00fcrden, das hat sie nicht sonderlich beunruhigt. Der russische Botschafter sagte mir damals. \u201eWissen Sie, wir werden diese L\u00e4nder nicht bedrohen. Es ist uns egal, ob Sie ihnen diese Garantie geben. Die heikle Sache ist die Einrichtung von Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten dort; das k\u00f6nnen wir nicht akzeptieren.\u201c Aber genau das ist passiert. Und obwohl der Vertrag zur Wiedervereinigung Deutschlands vorsah, da\u00df es auf dem Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik keine ausl\u00e4ndischen St\u00fctzpunkte und auch keine Atomwaffen geben sollte, wurden sp\u00e4ter Pl\u00e4ne zur Stationierung von St\u00fctzpunkten in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern geschmiedet.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders heikel war die Stationierung von Basen f\u00fcr ballistische Raketen in Polen und Rum\u00e4nien. Es wurde behauptet, da\u00df wir diese St\u00fctzpunkte dort brauchen, um uns vor m\u00f6glichen Raketenangriffen aus dem Iran zu sch\u00fctzen. Aber schauen Sie: Damals hatte der Iran gar keine Raketen, die dazu in der Lage gewesen w\u00e4ren, und er hatte auch keinen \u00c4rger mit unseren westeurop\u00e4ischen Verb\u00fcndeten. Es war also eine ziemlich absurde Begr\u00fcndung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zweitens k\u00f6nnten die Raketen, die tats\u00e4chlich eingesetzt werden, mit einer \u00c4nderung der Software offensiv sein. So kam es auch, als die Vereinigten Staaten einseitig aus den meisten R\u00fcstungskontroll- und Abr\u00fcstungsabkommen ausstiegen, die wir mit der Sowjetunion w\u00e4hrend der Reagan- und der ersten Bush-Regierung ausgehandelt hatten. Wir stiegen also aus ebenjenen Abkommen aus, die es uns erm\u00f6glicht hatten, den Kalten Krieg zu beenden, und das aus meiner Sicht ohne jeden guten Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, da\u00df diese Politik von der Sowjetunion zwangsl\u00e4ufig als Provokation empfunden wurde, ganz besonders was die Frage der NATO-Mitgliedschaft ehemaliger Sowjetrepubliken wie Georgien und der Ukraine anging, die nach den \u00fcblichen Kriterien nicht f\u00fcr eine NATO-Mitgliedschaft in Frage kamen. Als die Vereinigten Staaten ihre NATO-Verb\u00fcndeten davon \u00fcberzeugten, zu erkl\u00e4ren, da\u00df Georgien und die Ukraine letztendlich NATO-Mitglieder werden w\u00fcrden, das war 2008, wollten \u2013 so w\u00fcrde ich sagen \u2013 zwei Drittel der ukrainischen Bev\u00f6lkerung gar nicht der NATO angeh\u00f6ren. Und es war mir immer ein R\u00e4tsel, warum wir ein Land in die NATO aufnehmen wollten, wenn zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung das nicht wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig bem\u00fchten sich jedoch sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Mitglieder der Europ\u00e4ischen Union zunehmend darum, die Ukraine und Georgien von Ru\u00dfland wegzulocken. Nun, diese Gebiete waren jahrhundertelang Teil von Ru\u00dfland gewesen. Ru\u00dfland hatte ihre Befreiung von der Sowjetunion angef\u00fchrt \u2013 der russische Pr\u00e4sident Jelzin. Damals ging man davon aus, da\u00df sie zwar unabh\u00e4ngig, aber in einer kooperativen Beziehung zu Ru\u00dfland leben w\u00fcrden. Und ich denke, da\u00df der Versuch, insbesondere die Ukraine von Ru\u00dfland loszul\u00f6sen, ein grundlegender Fehler der Vereinigten Staaten und ihrer NATO-Verb\u00fcndeten war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eKeinen Zoll nach Osten\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p><strong><em>Matlock:<\/em><\/strong> Tats\u00e4chlich haben Pr\u00e4sident Bush und sein Au\u00dfenminister dem sowjetischen F\u00fchrer Gorbatschow definitiv zugesichert, da\u00df es keine \u00c4nderung der NATO-Zust\u00e4ndigkeit im Osten geben w\u00fcrde, wenn er der deutschen Wiedervereinigung zustimmte \u2013 \u201enicht einen Zoll\u201c. Die gleichen Zusicherungen erhielt Gorbatschow vom damaligen deutschen Au\u00dfenminister [Hans-Dietrich Genscher] und von der britischen Premierministerin [Margaret Thatcher].<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Zusicherungen wurden jedoch nie in einem formellen Vertrag formuliert. Sie waren Teil der Verhandlungen, und zu diesem Zeitpunkt gab es keine Absicht, sie zu erweitern. Und als der Vertrag, der die Wiedervereinigung Deutschlands erm\u00f6glichte, ausgehandelt wurde, gab es eine Bestimmung, da\u00df dort keine ausl\u00e4ndischen Truppen stationiert und keine Atomwaffen eingesetzt werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist immer noch ein g\u00fcltiger Vertrag: da\u00df diese Waffen nicht auf dem Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik stationiert werden d\u00fcrfen. Aber wir haben damit begonnen, diese Waffen in noch weiter \u00f6stlich gelegenen NATO-L\u00e4ndern zu stationieren. Ich w\u00fcrde sagen, das ist ein eklatanter Versto\u00df gegen die Zusicherungen, die mehrere westliche Regierungen im Vorfeld der deutschen Wiedervereinigung gegeben haben. Ich war bei einer Reihe dieser [Verhandlungen] anwesend, als die Zusicherungen gemacht wurden. Und jetzt, da die Unterlagen freigegeben wurden und offen zug\u00e4nglich sind, kann man aus den historischen Dokumenten ersehen, da\u00df es diese Zusicherungen gab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Matlock:<\/em><\/strong> Ich denke, die Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Territorium war nicht Teil der Vereinbarung zu Deutschlands Wiedervereinigung. Wenn diese Stationierung in anderen Teilen Deutschlands als der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik stattf\u00e4nde, w\u00fcrde sie nicht ausdr\u00fccklich gegen den Einigungsvertrag versto\u00dfen, weil er nichts dar\u00fcber aussagt, was von den anderen Teilen Deutschlands getan werden k\u00f6nnte. Und nat\u00fcrlich gab es damals amerikanische St\u00fctzpunkte und gibt es sie auch heute noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch glaube ich, da\u00df das eine au\u00dferordentlich gef\u00e4hrliche Sache ist. Es mag legal sein, aber es ist gef\u00e4hrlich. Und ich frage mich, wie zurechnungsf\u00e4hig eine deutsche Regierung ist, die das akzeptieren w\u00fcrde. Denn wenn diese Waffen jemals eingesetzt werden, wer wird darunter leiden? Deutschland, um Himmels willen \u2013 nicht die Vereinigten Staaten!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben in der Vergangenheit das ganze Problem der Stationierung dieser Raketen durchgespielt, um Ru\u00dfland dazu zu bringen, seine Mittelstreckenraketen, die Deutschland und unsere anderen europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten treffen k\u00f6nnten, abzuziehen. Und das ist uns gelungen. Das war einer der gro\u00dfen Erfolge des Kalten Krieges. Aber seither sind die Vereinigten Staaten aus diesem Vertrag ausgestiegen \u2013 er ist also nicht mehr g\u00fcltig. Das ganze Problem ist jedoch, da\u00df die Stationierung und der m\u00f6gliche Einsatz von Atomwaffen in Mittel- und Osteuropa f\u00fcr Deutschland eine viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr darstellt als f\u00fcr die Vereinigten Staaten. Warum eine deutsche Regierung das akzeptieren sollte, ist mir unbegreiflich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Matlock:<\/em><\/strong> Offensichtlich ist die Diplomatie verschwunden. Jetzt drohen wir \u00f6ffentlich mit einem Krieg, der sich f\u00fcr die Ukraine als katastrophal erweist, und das ist mehr als nur eine Drohung. Und ich sage Ihnen, im Gegensatz zu den meisten Leuten, die sich zu diesem Thema \u00e4u\u00dfern, kenne ich die Ukraine sehr gut. Ich spreche nicht nur flie\u00dfend Russisch, sondern ich kann auch Ukrainisch verstehen und lesen, und ich war schon oft dort. Ich war ein gro\u00dfer Bef\u00fcrworter der Bewahrung des ukrainischen Erbes. Jedes Mal, wenn ich Botschafter war und \u00f6ffentliche Reden in der Ukraine hielt, las ich sie auf Ukrainisch und nicht auf Russisch vor.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ukraine auf \u201eSelbstmordkurs\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Die derzeitige ukrainische Regierung ist aber auf einem Selbstmordkurs, wenn sie ihre Feindseligkeit gegen\u00fcber Ru\u00dfland fortsetzt. Der Einmarsch in die Ukraine h\u00e4tte nie stattfinden d\u00fcrfen und h\u00e4tte auch nicht stattgefunden, wenn die Vereinigten Staaten und die NATO rechtlich bindend zugesichert h\u00e4tten, da\u00df die Ukraine nicht in die NATO aufgenommen wird. Diese Zusicherung h\u00e4tte man von Anfang an geben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen vergessen dabei, wie L\u00e4nder auf ein aus ihrer Sicht feindliches Milit\u00e4rb\u00fcndnis an ihrer Grenze reagieren. Die Vereinigten Staaten traten in den Ersten Weltkrieg gegen Deutschland ein, weil Deutschland [1917] versuchte, einen Vertrag mit Mexiko zu schlie\u00dfen, der feindlich gegen die Vereinigten Staaten war. Wir betrachteten das als einen Kriegsgrund. Warum verstehen wir nicht, da\u00df der Versuch, die Ukraine dem russischen Einflu\u00df zu entziehen und dort Milit\u00e4rbasen einzurichten, aus ihrer Sicht absolut inakzeptabel und Grund zur Verteidigung w\u00e4re? Der Schaden f\u00fcr die Ukraine wird immer gr\u00f6\u00dfer, und je l\u00e4nger dieser Krieg andauert, desto gr\u00f6\u00dfer wird er sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen m\u00fcssen verstehen, da\u00df wir die Entwicklungen in der Ukraine nicht verfolgt haben \u2013 die Art und Weise, wie die Ukraine mit westlicher Ermutigung zunehmend feindselig gegen\u00fcber den russischsprachigen Menschen in ihrem Osten war. Russischsprachige Menschen machten 45% der ukrainischen Bev\u00f6lkerung aus, als das Land seine Unabh\u00e4ngigkeit erlangte. Und als es die Unabh\u00e4ngigkeit erlangte, garantierte die ukrainische Verfassung gleiche Rechte f\u00fcr russisch und ukrainisch sprechende Menschen sowie f\u00fcr Menschen mit anderen Minderheitensprachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Rechte wurden nach und nach abgebaut, und es gab immer mehr Vorst\u00f6\u00dfe, die f\u00fcr die Menschen im Osten beleidigend waren. Und dann kam es 2014 zu einem Staatsstreich, der von den Vereinigten Staaten und Vertretern der Europ\u00e4ischen Union unterst\u00fctzt wurde, gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten der Ukraine. F\u00fcr jeden russischen Staatschef, nicht nur f\u00fcr Wladimir Putin, w\u00e4re das nat\u00fcrlich ein absolut unm\u00f6glicher, feindseliger Akt, auf den er reagieren mu\u00df. Und vor allem wollten sie nicht ihren Marinest\u00fctzpunkt auf der Krim verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem d\u00fcrfen wir nicht vergessen, da\u00df diese Grenzen, die die Ukrainer nach eigenem Bekunden \u201ewiederherstellen\u201c wollen, nicht von der Natur geschaffen wurden, sondern durch die Entscheidung von zwei M\u00e4nnern: Adolf Hitler und Joseph Stalin. Die einzige Ausnahme war die Krim, die Krim wurde von Nikita Chruschtschow, einem kommunistischen F\u00fchrer der Sowjetunion, hinzugef\u00fcgt, was damals praktisch keinen Unterschied machte. Es handelt sich also nicht um klare historische Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Ironie ist nun, da\u00df bei den Ukrainern, vor allem im Westen des Landes, das Denken von Neonazis vorherrscht \u2013 wir neigen dazu, das zu ignorieren, oder wenn Putin darauf hinweist, sagen wir, er l\u00fcgt. Er l\u00fcgt nicht. Und die Sache ist die, da\u00df es viele Gr\u00fcnde gab, warum Ru\u00dfland sich milit\u00e4risch wehrte, als es die zunehmende Einmischung der Vereinigten Staaten und des Westens in die Innenpolitik der Ukraine sah, wie sie versuchten, die Ukraine vollst\u00e4ndig von jeglichem russischen Einflu\u00df zu s\u00e4ubern. Es ist eine Trag\u00f6die f\u00fcr die Ukraine, da\u00df es so weit gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem m\u00f6chte ich sagen, da\u00df Wirtschaftssanktionen, wie sie die Vereinigten Staaten und die EU gegen Ru\u00dfland verh\u00e4ngt haben, normalerweise nur im Kriegszustand verh\u00e4ngt werden. Und nach der Verfassung der Vereinigten Staaten kann nur der Kongre\u00df einen Krieg erkl\u00e4ren. Der Kongre\u00df hat den Krieg nicht erkl\u00e4rt, trotzdem hat der Pr\u00e4sident wiederholt Handlungen vorgenommen, die normalerweise nach internationalem Recht nur im Kriegsfall zul\u00e4ssig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem w\u00fcrde ich sagen, da\u00df die Wirtschaftssanktionen gegen Ru\u00dfland nicht das bewirken, was sie eigentlich bewirken sollten. Sie zielten darauf ab, die russische Wirtschaft zu ruinieren, aber das tun sie nicht. Sie haben die russische Wirtschaft nur noch autonomer gemacht und sie dazu gebracht, sich China, dem Iran und sogar Nordkorea zuzuwenden \u2013 und zwar in den Bereichen, in denen sie zuvor mit dem Westen kooperiert hatte. Das ist etwas, was auf lange Sicht sehr nachteilig f\u00fcr die Vereinigten Staaten und f\u00fcr Westeuropa sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier verstehe ich nicht, warum die derzeitigen Staatsf\u00fchrungen das nicht auch so sehen. Ich habe unsere Politik als kurzsichtig und als \u201eTunnelblick\u201c beschrieben \u2013 und genauso w\u00fcrde ich auch die Politik unserer NATO-Verb\u00fcndeten in Europa beschreiben. Kurzsichtig, weil sie nicht in die Vergangenheit blickt, und mit einem Tunnelblick, weil sie alle Fakten ausblendet, die dem aktuellen Narrativ, mit dem sie hausieren geht, widersprechen w\u00fcrden. Manchmal habe ich auch gesagt, da\u00df sie genau aus diesem Grund \u201eautistisch\u201c ist. Sie konzentriert sich auf bestimmte Dinge und ignoriert andere. Und ich glaube, da\u00df das f\u00fcr die Vereinigten Staaten oder ihre milit\u00e4rischen Verb\u00fcndeten nicht gut ausgehen wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Dilemma unserer Zeit<\/h3>\n\n\n\n<p><strong><em>Matlock:<\/em><\/strong> Ich kann nicht verstehen, warum die deutsche F\u00fchrung eine solche Politik verfolgt, wie sie es tut. Ich verstehe es einfach nicht, denn ich glaube nicht, da\u00df es im Interesse Deutschlands ist. Und nat\u00fcrlich, was wir h\u00f6ren und was die amerikanische \u00d6ffentlichkeit h\u00f6rt: \u201eOh, wir haben die Pflicht, die Demokratie in der Ukraine zu verteidigen\u201c \u2013 das ist absurd! Die Ukraine ist alles andere als eine Demokratie. Sie hat eine Regierung, die das Ergebnis eines Staatsstreichs war. Sie hat eine Regierung, die wichtige Vereinbarungen wie die Minsker Vereinbarungen, die den Krieg verhindert und den Donba\u00df in der Ukraine gehalten h\u00e4tten, nicht eingehalten hat. Sie hat st\u00e4ndig gegen diese Vereinbarungen versto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten von den R\u00fcstungskontrollabkommen abger\u00fcckt, die wir in den 1980er und 1990er Jahren geschlossen haben und die Deutschland tats\u00e4chlich gesch\u00fctzt haben. Die Vereinigten Staaten haben pl\u00f6tzlich einen Kreuzzug begonnen, um sich in einen Familienstreit zwischen Ostslawen einzumischen, bei dem es um die Frage geht, wo die Grenze zwischen der Ukraine und Ru\u00dfland verl\u00e4uft, was nie die geringste Auswirkung auf die Sicherheit Deutschlands oder der Vereinigten Staaten oder der anderen NATO-Verb\u00fcndeten hatte. Jetzt sagen die Leute: \u201eOh, wenn Putin in der Ukraine Erfolg hat, wird er danach sofort die baltischen Staaten und Polen angreifen.\u201c V\u00f6llig absurd! Daf\u00fcr gibt es \u00fcberhaupt keine Beweise. Das ist einfach nur eine falsche Behauptung, w\u00fcrde ich sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn man sich das Grunds\u00e4tzliche anschaut, dann sieht man die gegenw\u00e4rtigen Bem\u00fchungen, die \u2013 zu Recht oder zu Unrecht \u2013 darauf abzielen, die von Hitler, Stalin und Chruschtschow vorgegebenen Grenzen der Ukraine wiederherzustellen, bei denen es damals darum ging, die Ukraine zu unterjochen, nicht sie zu befreien. Der Versuch, diese Grenzen wiederherzustellen, ist nicht nur unm\u00f6glich, sondern das zu einem Ziel zu machen und mit Waffen zu unterst\u00fctzen, die nicht nur in der Ukraine, sondern jetzt auch zunehmend gegen Ru\u00dfland eingesetzt werden, das grenzt in meinen Augen an Wahnsinn, wie auch f\u00fcr jeden, der sich ernsthaft mit der Vergangenheit und dem Wesen dieser Nationen auseinandersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lassen Sie mich noch hinzuf\u00fcgen, da\u00df ich glaube, das amerikanische Volk unterst\u00fctzt die Waffenlieferungen an die Ukraine immer noch, es wird ihm aber ein v\u00f6llig falsches Bild der Lage vermittelt. Es hei\u00dft: \u201eOh, wir m\u00fcssen einem demokratischen Land gegen Unterdr\u00fcckung helfen.\u201c Die Ukraine ist kein demokratisches Land, und es ist f\u00fcr eine ausl\u00e4ndische Macht unm\u00f6glich, in einem anderen Land Demokratie zu schaffen. Das ist einfach irrational.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die meisten Menschen in den Vereinigten Staaten und auch in Europa denken nat\u00fcrlich nicht viel \u00fcber die Geschichte und die Vorg\u00e4nge in diesen anderen Teilen der Welt nach. Sie ziehen ihre Schl\u00fcsse aus groben Verallgemeinerungen, die bei n\u00e4herer Betrachtung keine wirkliche faktische Grundlage haben. Das ist, glaube ich, das Dilemma unserer Zeit. Wir haben Regierungen, die, offen gesagt, eine falsche Sichtweise dieser Dinge f\u00f6rdern. Und das halte ich f\u00fcr unglaublich gef\u00e4hrlich. (\u2026)<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Botschafter a.D. Jack Matlock ist einer der angesehensten pensionierten US-Diplomaten. 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