{"id":102371,"date":"2024-05-12T07:21:14","date_gmt":"2024-05-12T11:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/schillerinstitute.com\/?p=102371"},"modified":"2024-05-12T07:21:16","modified_gmt":"2024-05-12T11:21:16","slug":"zum-200-jahrestag-der-urauffuehrung-barenboim-kommentiert-beethovens-9-sinfonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schillerinstitute.com\/de\/blog\/2024\/05\/12\/zum-200-jahrestag-der-urauffuehrung-barenboim-kommentiert-beethovens-9-sinfonie\/","title":{"rendered":"Zum 200. Jahrestag der Urauff\u00fchrung: Barenboim kommentiert Beethovens 9. Sinfonie"},"content":{"rendered":"<p>Vor 200 Jahren, am 7. Mai 1824, wurde Ludwig van Beethovens unvergleichliche 9. Sinfonie (\u201eOde an die Freude\u201c) geboren. Er hatte sein ganzes Erwachsenenleben, \u00fcber 30 Jahre lang, an einer angemessenen Vertonung von Friedrich Schillers Gedicht An die Freude gearbeitet. Beethoven komponierte drei atemberaubende S\u00e4tze \u2013 jeder f\u00fcr sich ein vollendetes, monumentales Werk \u2013 und forderte dann das Publikum heraus: Was k\u00f6nnte noch fehlen?<\/p>\n<p>Es ist kaum bekannt, da\u00df die Liliputaner des Wiener Kongresses von 1815 damals dachten, sie h\u00e4tten Beethoven mit einer systematischen Verdummung der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung endlich besiegt; Beethoven schrieb von 1815 bis 1824 keine gro\u00dfen Werke f\u00fcr Auff\u00fchrungen vor einem gro\u00dfen Publikum. War er ganz von der Bildfl\u00e4che verschwunden? Seine 9. Sinfonie war, zusammen mit der einen Monat zuvor uraufgef\u00fchrten Missa Solemnis, ein \u00fcberw\u00e4ltigender \u201eDurchbruch\u201c, mit dem Beethovens F\u00e4higkeit zur \u201euniversellen Liebe\u201c das \u00fcber seine Welt hereinbrechende kulturelle finstere Zeitalter \u00fcberwand. Die Kraft seiner Liebe und seines Genies sprach nicht nur zu der problematischen Generation seiner Zeitgenossen, sondern auch zu kommenden Generationen.<\/p>\n<p>Daniel Barenboim, der Mitbegr\u00fcnder und Dirigent des israelisch-pal\u00e4stinensischen West-Eastern Divan Orchestra aus Berlin, leistete am Jahrestag der Urauff\u00fchrung einen wichtigen Beitrag im Namen von \u201eBeethovens Neunter\u201c. In einem Gastbeitrag in der New York Times betont er unter anderem, da\u00df Beethoven keiner politischen Mode hinterher rannte: \u201eStatt dessen war er ein zutiefst politischer Mensch im weitesten Sinne des Wortes. Ihn besch\u00e4ftigten moralisches Verhalten und gr\u00f6\u00dfere Fragen von Recht und Unrecht, welche die Gesellschaft als Ganzes betreffen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eAus Widerspr\u00fcchen eine Einheit schaffen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die politische Exegese der 9. Simfonie hinaus befa\u00dft sich Barenboim mit der grundlegenden Bedeutung von Beethovens Musik. Wir zitieren Ausz\u00fcge:<\/p>\n<p>\u201eIch sehe die Neunte auch auf eine andere Weise. Musik an sich steht f\u00fcr nichts anderes als f\u00fcr sich selbst. Die Gr\u00f6\u00dfe der Musik und der Neunten Sinfonie liegt im Reichtum ihrer Kontraste. Musik lacht oder weint nie nur, sie lacht und weint immer gleichzeitig. Aus Widerspr\u00fcchen eine Einheit schaffen \u2013 das ist f\u00fcr mich Beethoven.<\/p>\n<p>Musik ist, wenn man sie richtig studiert, eine Lehre f\u00fcr das Leben. Wir k\u00f6nnen viel von Beethoven lernen, der ja eine der st\u00e4rksten Pers\u00f6nlichkeiten der Musikgeschichte war. Er ist der Meister darin, Emotion und Intellekt miteinander zu verbinden. Bei Beethoven mu\u00df man in der Lage sein, seine Gef\u00fchle zu strukturieren und die Struktur emotional zu sp\u00fcren \u2013 eine fantastische Lektion f\u00fcr das Leben! Wenn wir verliebt sind, verlieren wir jeden Sinn f\u00fcr Disziplin. Die Musik l\u00e4\u00dft das nicht zu.<\/p>\n<p>Aber Musik bedeutet f\u00fcr jeden Menschen etwas anderes und manchmal sogar f\u00fcr ein und dieselbe Person in verschiedenen Momenten etwas anderes. Sie kann poetisch, philosophisch, sinnlich oder mathematisch sein, aber sie mu\u00df etwas mit der Seele zu tun haben. Sie ist also metaphysisch, aber das Ausdrucksmittel ist rein und ausschlie\u00dflich physisch: der Klang. Gerade dieses st\u00e4ndige Nebeneinander von metaphysischer Botschaft und physischen Mitteln ist die St\u00e4rke der Musik\u2026<\/p>\n<p>Nach allem, was wir wissen, hatte Beethoven Mut, und f\u00fcr mich ist Mut eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis und erst recht f\u00fcr die Auff\u00fchrung der Neunten. Man k\u00f6nnte einen Gro\u00dfteil von Beethovens Werk im Geiste Gramscis umschreiben, indem man sagt: Das Leiden ist unvermeidlich, aber der Mut, es zu \u00fcberwinden, macht das Leben lebenswert.\u201c<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 200 Jahren, am 7. Mai 1824, wurde Ludwig van Beethovens unvergleichliche 9. Sinfonie (\u201eOde an die Freude\u201c) geboren. Er hatte sein ganzes Erwachsenenleben, \u00fcber 30 Jahre lang, an einer angemessenen Vertonung von Friedrich Schillers Gedicht An die Freude gearbeitet. 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